Diskutieren Gehörlose schon bald in der Arena mit?

«Zusammen mit der SRG sind wir motiviert, den Zugang für Gehörlose stetig zu verbessern», sagt Julien Kurt von Swiss TXT. So tüftelt die SRG-Tochter an Avataren für die Gebärdensprache. Aus Sicht des Schweizerischen Gehörlosenbundes ein Gewinn: Es ermöglicht Menschen mit Hörbehinderungen, besser am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Für hörbehinderte Menschen ist die Gebärdensprache ihre Muttersprache. Einem TV-Programm mit Untertiteln zu folgen, bereitet deshalb vielen Mühe. Optimal wäre, bei jeder Sendung eine:n Dolmetscher:in für Gebärdensprache einzublenden – doch das ist teuer und aufwendig. Es braucht dafür eine:n Dolmetscher:in, der oder die extra ins Studio reist und das laufende Programm eins zu eins übersetzt.

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Im neuen Projekt wird der Mensch kopiert, so gelingt die Übersetzung besser. Ob sie erfolgreicher ist, wird die Zukunft zeigen.»
Tatjana Binggeli, Geschäftsführerin des Schweizerischen Gehörlosenbundes

Deshalb setzt Swiss TXT im Rahmen eines neuen Projekts auf digitale Helfer: Die SRG-Tochter tüftelt an Avataren für die Gebärdensprache. Der Schweizerische Gehörlosenbund SGB-FSS sieht darin grosses Potenzial: «Schon heute nutzt man Avatare, zum Beispiel bei Meteo oder um Zugverspätungen bekannt zu machen», sagt Geschäftsführerin Tatjana Binggeli. Bislang sei es jedoch nur möglich, rudimentäre Sätze in Gebärde zu übersetzen. «Im neuen Projekt wird der Mensch kopiert, so gelingt die Übersetzung besser. Ob sie erfolgreicher ist, wird die Zukunft zeigen.»

Ein erstaunlich realer Avatar

Das Avatar-Projekt von Swiss TXT ist Teil des breit angelegten, europäischen Forschungsprojekts Content4All. Dabei werden die heute bereits bekannten Modell-Avatare zu dreidimensionalen Avataren weiterentwickelt, so genannten Realataren. Diese Realatare bewegen sich so natürlich und echt, dass eine Person mit einer Sinneseinschränkung den Bewegungen und somit der Sprache leicht folgen kann.

Content4All – Die Gebärdensprache der Zukunft

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Als besonderer Service kann das Geschlecht, das Alter, ja sogar das Aussehen des Avatars gewählt werden, was zusätzliche Nähe schafft.»
Julien Kurt, Kommunikationsleiter von Swiss TXT

Das Prinzip hinter der Entwicklung der Realatare ist scheinbar bestechend einfach: Das bestehende Audio eines Videos wird direkt in die Gebärdensprache des Avatars übersetzt. All seine Bewegungen wurden vorgängig bei einem realen Menschen dreidimensional gefilmt, und diese gespeicherten Informationen füttern den Realatar. So kann er die Gebärde überzeugend real ausführen.

So einfach dies tönt, so komplex ist der Prozess: «Tatsächlich führt die kleinste Ungenauigkeit in der Bewegung der Avatare dazu, dass der Inhalt nicht mehr verstanden wird», sagt Julien Kurt, Kommunikationsleiter von Swiss TXT. Aktuell würden erste operative Tests durchgeführt. Ziel sei, die Qualität der Realatare weiter auszubauen, damit sie möglichst bald für die Konsument:innen zur Verfügung stehen. «Als besonderer Service kann das Geschlecht, das Alter, ja sogar das Aussehen des Avatars gewählt werden, was zusätzliche Nähe schafft.»

«Das Fernsehen spielt eine wichtige Rolle»

Stéphane Beyeler, ehemaliger Leiter des Gehörlosenbundes in der Romandie, freut sich über die Entwicklung. «Gerade taube Kinder sind auf gute und klare Vorbilder angewiesen», sagt er. Die Gebärdensprache sei sehr komplex und bestehe sowohl aus Gesten als auch aus der Mimik. Zudem habe sie eine eigene Grammatik. «Eine korrekte Gebärdensprache ist wichtig, damit Kinder sie richtig lernen und ihre eigene Identität entwickeln können. Hier spielt das Fernsehen eine wichtige Rolle.»

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Dass die SRG motiviert ist, sich in diesem Bereich laufend zu verbessern, ist für uns ein Gewinn. Menschen mit einer Einschränkung können so leichter am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.»
Laura Sciuchetti, Gehörlosenbund im Tessin

Laura Sciuchetti vom Gehörlosenbund im Tessin pflichtet bei: «Für mich hat dieses Projekt ein enormes Entwicklungspotenzial.» Denn nicht immer seien Untertitel verfügbar. «Dank der Gebärdenavatare können gehörlose Menschen dem Programm ganz natürlich folgen. Dass die SRG motiviert ist, sich in diesem Bereich laufend zu verbessern, ist für uns ein Gewinn. Menschen mit einer Einschränkung können so leichter am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.»

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Realatar dank Smartphone immer mit dabei.

Übersetzungsapp in den Startlöchern

Aufbauend auf dem Projekt Content4All steht bereits ein weiteres in den Startlöchern: Easier. Der Avatar von Content4All wird dabei in eine App eingebunden. Diese App kann Gebärden via Bilderkennung in Text und anschliessend in gesprochene Sprache übersetzen – und umgekehrt. Ein weiterer Schritt hin zu mehr Barrierefreiheit, sagt Julien Kurt von Swiss TXT. «Es wäre dann möglich, dass eine gehörlose Person in einer Diskussionssendung wie Arena ohne physisch anwesenden Dolmetscher:in mitdiskutieren könnte.»

 

Daniela Huwyler, Oktober 2023

 

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