Sprachenvielfalt im Rampenlicht: Wie eine Austauschwoche die nationale Verbundenheit stärkt
Während der dritten nationalen Austauschwoche begegneten sich vergangenen November 2025 über 4600 Jugendliche aus verschiedenen Sprachregionen – darunter erstmals auch Lehrlinge. Zudem tauschten Moderator:innen von SRF und RTS erneut ihren Arbeitsplatz. Der Austausch über die Sprachgrenzen macht die Vielfalt in der Schweiz sichtbar und fördert den Zusammenhalt.
14. November 2023. Auf SRF 1 wird die Hauptausgabe der «Tagesschau» gesendet, das gewohnte Intro läuft über den Bildschirm. Doch am Moderationspult begrüsst ein neues Gesicht. Und: Die Moderatorin spricht Französisch. Falscher Sender? Nein, nach der Begrüssung wechselt die Westschweizer Tagesschau-Moderatorin Fanny Zürcher ins Deutsche. Charmant und mit französischem Esprit präsentiert sie die Schlagzeilen. Zur gleichen Zeit begrüsst Andrea Vetsch das Westschweizer RTS-Publikum in der Newssendung «19h30» auf Französisch.
Fanny Zürcher von RTS und Andrea Vetsch von SRF tauschen ihren Arbeitsplatz.
Der Moderatorinnentausch feierte 2023 im Rahmen der ersten nationalen Austauschwoche Premiere und wurde seither jährlich wiederholt. Bei der dritten Durchführung im November 2025 tauschten SRF-Moderatorin Cornelia Boesch und RTS-Moderator Philippe Revaz die Studioplätze. Die Austauschwoche selbst wird von Movetia organisiert, der nationalen Agentur für Austausch und Mobilität. Im Zentrum der Aktion steht die Begegnung von Jugendlichen mit Gleichaltrigen aus anderen Sprachregionen. Die SRG unterstützt die Woche jeweils als Medienpartnerin. Das Ziel: die Mehrsprachigkeit und Vielfalt sichtbar machen, den Zusammenhalt fördern.
Erstmals auch Lehrlinge in der Austauschwoche dabei
Die dritte Austauschwoche im November 2025 war gleich in mehrfacher Hinsicht besonders: So machten neben 4600 Schüler:innen, die ihren Horizont durch 40 Anlässe wie etwa Exkursionen oder Workshops erweitern konnten, zum ersten Mal auch 34 Lehrlinge mit. Diese packten die Chance, in einer anderen Sprachregion ein kurzes Praktikum zu machen.
Zudem wurde von der Oertli-Stiftung der erste nationale Austauschpreis verliehen. Mit diesem wurden drei Projekte ausgezeichnet, die den Austausch in Lehrbetrieben fördern. Kathrin Müller, Mediensprecherin von Movetia, hofft, damit einen Ansporn für Betriebe zu schaffen, den Sprachaustausch weiter zu fördern. «Wenn man das einmal macht, entstehen Netzwerke und man hat eine Partnerfirma.»
Im November 2025 wurde der erste nationale Austauschpreis verliehen. Gewonnen hat ein Austauschprojekt der kaufmännischen Berufsschule Nyon.
Movetia
In seiner Rede zum Auftakt der Austauschwoche hob Bundesrat Guy Parmelin die Wichtigkeit der Mehrsprachigkeit und des Austauschs zwischen den Sprachregionen hervor. Die Sprachvielfalt gehöre zu den grossen Stärken der Schweiz: «Wenn junge Menschen während ihrer Ausbildung in einem anderen Sprachgebiet arbeiten, öffnen sich Horizonte», sagte Parmelin. «Sie lernen nicht nur neue Arbeitsmethoden kennen, sondern auch, wie Menschen in unterschiedlichen Sprach- und Kulturgemeinschaften denken, kommunizieren und zusammenarbeiten. Das stärkt neben der Fachkompetenz auch das Selbstvertrauen, die Offenheit und die Teamfähigkeit – Eigenschaften, die in unserer vernetzten Welt unverzichtbar sind.»
Bundesrat Guy Parmelin bei der Eröffnungsred
Movetia
Die Schweiz vereinen: Mit Humor und Musik
Zum ersten Mal schlossen sich 2025 auch die Comedy-Redaktionen von RTS, RSI, RTR und SRF im Rahmen der Austauschwoche zu einer humorvollen Aktion zusammen: Die Comedians Gabriel Vetter, Blaise Bersinger, Michel Decurtins und Ellis Cavallini besingen in einem Musikvideo ihren gemeinsamen Plan, wie sie die Schweiz vereinen wollen. «Ohne Rätoromanisch gäbe es eben keine Subventionen», heisst es etwa in einer Strophe. «Und diese vereinen uns doch.» Ausserdem, auch das eine Gemeinsamkeit, vergesse man überall in der Schweiz die Abfallsäcke an der Kasse.
Das Lied, das die Schweiz retten soll
Mit Humor die Schweiz vereinen – geht das? Vier Schweizer Komiker:innen aus den verschiedenen Sprachregionen haben es versucht und einen humoristischen Song produziert.
Die Redaktionen mussten etwas schaffen, das für alle Formate funktionieren würde: im Fernsehen, im Radio und auf Social Media. Es sei ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, sich auf eine gemeinsame Humorform zu einigen – weshalb die Idee eines Liedes entstanden sei, erklärt Projektkoordinatorin Simone Kerr. «Eine Disziplin, die bei keinem der vier Künstler zur Kernkompetenz gehört.»
Für Kerr hat das Lied einen grossen gesellschaftlichen Mehrwert. Es funktioniert in allen Sprachregionen, was bei anderen humoristischen Formaten kaum möglich sei. «Der Humor ist eine kulturelle Angelegenheit und funktioniert in den unterschiedlichen Sprachregionen nicht nur ganz anders, sondern lässt sich meist kaum übersetzen», sagt sie. Und Gabriel Vetter beteuert, das Projekt sei der kürzeste und effektivste Duolingo-Kurs gewesen, den er je besucht hätte.
«Belle initiative, merci»
Beim Pilotprojekt im 2023 hatten übrigens nicht nur die Tagesschau-Moderatorinnen den Platz getauscht, sondern auch die Bundeshausteams. So schaltete Fanny Zürcher in der Tagesschau zu ihrem Kollegen Pierre Nebel, der für Deutschschweizer Empfinden ungewohnt deutlich gestikulierend den Rücktritt von Grünen-Präsident Balthasar Glättli einordnete. Auf die Frage, ob das der Courant normal bei RTS sei, sagte Fanny Zürcher damals: «Bei uns ist alles etwas temperamentvoller, wenn man so will, also eine Abendshow. SRF hingegen kommt für uns etwas steif und sehr strukturiert daher.»
Sie und Andrea Vetsch erhielten für ihren Einsatz viele positive Rückmeldungen. So schrieb beispielweise jemand Andrea Vetsch per Mail: «Ça représente totalement notre pays qui s’entend, partage et ce fait plaisir aussi des différences d’allocution des deux côtés de la sarine. Belle initiative, merci.»
Artikel aktualisiert im November 2025, Noemi Harnickell