Wie Avatare Barrieren einreissen

Untertitel, Gebärdensprache und 3D-Avatare ‒ am Accessibility-Tag tauschte sich die SRG mit hörbehinderten Menschen über die Förderung der Barrierefreiheit aus. Denn solche Leistungen vereinfacht Menschen mit einer Hörbeeinträchtigung den Zugang zum gesellschaftlichen Leben.

Kurz vor 10.00 Uhr bei SRF in Zürich Leutschenbach: Der Accessibility-Tag ist in grossen, roten Buchstaben vor dem Gebäude angekündigt, und die Lobby vor den Studios füllt sich langsam mit Menschen. Der Geräuschpegel nimmt dennoch kaum zu, denn die meisten Besucher:innen unterhalten sich in Gebärdensprache. Hörbehinderte aus allen Teilen der Schweiz sind zum Austauschtag nach Zürich gereist.

Accessibility Day der SRG

Während sich die Gäste mit Kafi und Gipfeli für den Tag stärken, ist das Organisationsteam der SRG im Sportstudio daran, die Technik zu überprüfen. Es herrscht Anspannung. Drei Bildschirme mit Projektionen in drei Sprachen sind aufgezogen. Diverse Gebärdensprachdolmetscher:innen prüfen unten im Saal den Kontakt via Kopfhörer mit den Simultandolmetscher:innen auf der Empore. Nicht im Raum anwesend ist die dritte involvierte Gruppe für die Sprachverständigung: die Respeaker:innen von SWISS TXT. Sie kümmern sich um die dreisprachigen Untertitel, die während der Präsentationen und Workshops auf den Bildschirmen angezeigt werden. «Damit sich Hörende und nicht Hörende, Deutschsprachige, Französischsprachige und Italienischsprachige verstehen, haben wir 18 Personen aufgeboten», sagt Mariana Wirz, Projektleiterin in der Direktion Entwicklung und Angebot SRG (E+A) und Initiantin des Austauschtages.

Image

Sprachdolmetscherinnen auf der Empore des Sportstudios bei SRF.

Nun werden die Teilnehmer:innen im Studio auf ihre Plätze begleitet. Auf der einen Seite sitzen die Deutschsprachigen, auf der anderen die Französisch- und Italienischsprachigen. Die Gebärdensprachdolmetscher:innen stehen und sitzen vor ihrem jeweiligen Publikum und warten auf ihren Einsatz. Der Tag startet mit einer Viertelstunde Verspätung. Bis jede und jeder die richtigen Tools und Kopfhörer hat und die Technik funktioniert, braucht es etwas Geduld. Das Publikum scheint jedoch daran gewöhnt zu sein, dass alles etwas langsamer vor sich geht.

Experimentieren für das gehörlose Publikum

Das Programm startet mit dem ersten Workshop und der Vorstellung des speziellen Tandems von «Signes». Seit drei Jahren arbeiten die gehörlose Moderatorin Natasha Ruf und die hörende Regisseurin Christina Pollina für die Sendung zusammen, die sich explizit an Hörbehinderte richtet und monatlich 30 Minuten über Themen berichtet, welche die Welt der Gehörlosigkeit betreffen. Sie erzählen von ihrer unterschiedlichen Art zu arbeiten und betonen, wie wichtig die Kommunikation für ihre erfolgreiche Zusammenarbeit ist.

Image

Im Austausch mit Hilfe von vier Gebärdensprachdolmetscher:innen und Respeaker:innen.

Dann erfahren die Teilnehmer:innen von Aixa Andreetta, Ana Bas und Philippe Hêche, Leiter:innen Barrierefreies Angebot bei RSI, SRF und RTS, welche inhaltlichen Neuerungen bei der SRG ausprobiert werden, um den Zugang zum Programm zu erleichtern. Aktuell wird geprüft, ob sich Fiktion für Gebärdensprache eignet. Als Pilotprojekt dient die Krimiserie «Alter Ego», die mit zwei Gebärdensprachdolmetscher:innen ausgestrahlt wird. Ein weiteres Projekt ist die Kindersendung «Les enquêtes de Maëlys», die in Gebärdensprache übersetzt wird. SRF bringt «Ein Fall für Maëlys» in Gebärdensprache ab dem 27. Dezember 2023 auf Play SRF. Auch die zahlreichen Varianten für Untertitelung werden vorgestellt: automatische, semi-automatische, live- und semi-live sowie vorbereitete Untertitelung.
Nun darf sich das Publikums äussern. Via Mentimeter will die SRG wissen, ob den hörbehinderten Menschen die Sendungen besser mit Untertiteln oder mit Gebärdensprache gefallen. Auf jeden Bildschirm wird ein anderer QR-Code projiziert, um getrennt nach Sprache abzustimmen. Die Umfrageergebnisse erscheinen auf den Bildschirmen: 23 Personen bevorzugen die Sendungen mit Untertiteln, 14 mit Gebärdensprache. Die Vorlieben innerhalb der Community sind also ganz unterschiedlich, je nachdem ob jemand im Verlauf seines Lebens schwerhörig geworden oder seit Geburt gehörlos ist. Für Gehörlose seit Geburt ist die Gebärdensprache ihre Muttersprache, während Menschen, deren Gehör mit dem Alter schlechter geworden ist, Untertitel bevorzugen. Einig sind sich die Teilnehmer:innen jedoch bei der Frage, welche weiteren Sendungen sie gerne mit Untertitelung oder in Gebärdensprache im Angebot hätten: «Alle» lautet die meistgenannte Antwort.

Erfahrungen sammeln und sich mitteilen

Nach dem ersten Workshop brechen zwei Gruppen auf eine Tour durch das Haus und die Studios auf. Nach einer Stärkung über Mittag geht es mit dem zweiten Workshop zu den digitalen Produkten weiter. Lukas Gysling und Etienne Rallu der Direktion «Entwicklung und Angebot» (E+A) der SRG zeigen, wie Hörbeeinträchtigte die Streaming-Plattform Play Suisse für ihre Bedürfnisse nutzen können. Die Sendungen mit Untertiteln werden in der Übersicht angezeigt und können rechts unten aktiviert werden.

Das Interesse ist gross und die Bedürfnisse vielfältig.

Nun ist der Zeitpunkt gekommen, Erfahrungen und Wünsche zu teilen. Damit alle im Saal die Gebärden sehen, begibt sich diejenige Person, die sich zu Wort melden will, nach vorne, wo ein Gebärdensprachdolmetscher auf Lautsprache übersetzt, sodass alle Sprachdolmetscher:innen und Respeaker:innen weiterübersetzen und untertiteln können. Ein Teilnehmer wollte sich die Dokumentation über Tätowierungen anschauen, doch leider hätten die Untertitel gefehlt. Das SRG-Team will der Sache nachgehen. Das Interesse ist gross und die Bedürfnisse vielfältig: Wo kann ich mich bei Pannen melden? Kann ich den Gebärdensprachdolmetscher vergrössern? Können die Untertitel bei Sportübertragungen oben angeheftet werden, damit man den Ball immer sieht? Kann man die Art der Musik in einem Film in der Untertitelung präzisieren anstatt nur «Musik» zu schreiben?

Der Workshop 2 wird mit einer Präsentation über HbbTV abgerundet. Theo Mäusli von E+A erläutert die unbeschränkten Möglichkeiten für Barrierefreiheit von HbbTV. In Pilotprojekten werden Gebärdensprach-Avatare getestet. Es stellt sich heraus, dass HbbTV beim Gehörlosenpublikum noch wenig bekannt ist. In der Umfrage sagen aber viele, dass sie gerne mehr darüber wissen möchten.

Einsatzgebiete für die künstliche Intelligenz

Im dritten Workshop geht es um technologische Trends. Da spielt natürlich die künstliche Intelligenz eine wichtige Rolle. Michaela Nachtrab von Business Development Accessibility Services bei SWISS TXT nennt die halb- oder vollautomatische Untertitelung als Beispiel. Sie erläutert auch die Herausforderungen bei der Untertitelung für unterschiedliche Ausspielungsorte. So liessen sich die Untertitel vom Fernsehen nicht automatisch für Online übernehmen, erklärt sie. Auch die unterschiedlichen Prozesse bei gehörlosen und hörenden Übersetzer:innen bringt sie zur Sprache. Bei gehörlosen Übersetzer:innen sei ein Zwischenschritt über die Verschriftlichung – die sogenannte Glosse – nötig, um Untertitel in weiteren Sprachen zu erstellen. Ein weiteres Thema sind Avatare, die sich von Aussehen, Bewegungen und Mimik kaum mehr von echten unterscheiden lassen. Als weitere Herausforderung für die Automatisierung erwähnt Michaela Nachtrab die unterschiedliche Grammatik in der gesprochenen/schriftlichen Sprache und der Gebärdensprache. Der Satz «Die Katze geht um das Haus» werde in Gebärdensprache als «Haus Katze geh um» ausgedrückt. Die SRG setze neue Technologien da ein, wo es Sinn mache und diese Entscheidungen würden zusammen mit den Gehörlosen besprochen.

Der Tag neigt sich dem Ende zu. Noch einmal ist die Meinung des Publikums gefragt: Sollen die Untertitel exakt wie gesprochen oder eher gekürzt werden? Sollen zusätzliche Sendungen mit vollautomatischer Untertitelung versehen werden, auch wenn Fehler vorkommen können? Welche Art von Avataren bevorzugen die Hörbeeinträchtigten? Nach diesen Fragen geht es zum Apero, wo sich die Teilnehmer:innen noch die letzten Informationen holen können.

Service public in Reinkultur

Der Dialog mit Menschen, welche die Programme nutzen, war für die SRG eine Bereicherung. Blickt man auf die Anfänge der Barrierefreiheit vor 15 bis 20 Jahren zurück, stellt man fest, dass schon einiges möglich, die Reise aber noch lange nicht zu Ende ist. Stets tauchen neue technologische Möglichkeiten auf, die erprobt und diskutiert werden wollen. In diesem Sinne: Die SRG freut sich auf weitere Gelegenheiten zum Austausch!

Die Barrieren werden immer kleiner

Gemäss Angaben des Schweizerischen Gehörlosenbundes sind in der Schweiz rund 10’000 Menschen seit Geburt gehörlos oder sehr stark schwerhörig. Rund eine Million Menschen leben mit einer Hörbehinderung. Die Gebärdensprachgemeinschaft umfasst mindestens 20’000 Personen. Und bei Menschen ab 65 Jahren nimmt die Schwerhörigkeit rapide zu: Rund 20 Prozent dieser Altersgruppe sind davon betroffen. Die Gruppe der Hörbeeinträchtigten ist also keineswegs eine quantité négligeable. Umso wichtiger sind die Dienstleistungen der SRG, damit sich auch diese Menschen informieren und Fernsehsendungen konsumieren können.

Die SRG nimmt das Publikum der Sinnesbehinderten ernst und erachtet die Dienstleistungen in diesem Bereich als wichtigen Service public. Für die Hörbehinderten will sie bis 2027 alle im Broadcast ausgestrahlten redaktionellen Sendungen untertiteln, die Anzahl an gebärdeten Sendungen von 1050 auf 1300 Stunden erhöhen und statt 1440 Stunden 2000 Stunden an Audiodeskriptionen anbieten. Zudem sollen die Websites und Apps auch von sinnesbehinderten Menschen bedient werden können.

 

Imelda Lütolf, Dezember 2023

Kommentar

Schonungsloses Feedback

In Workshops haben wir nachgefragt, was sich Berufsschüler:innen von der SRG wünschen.

Schweizer «dialog»: Brücken bauen über die Sprachgrenzen

«Einverstanden, aber...» und «d'accord, mais...»: Erstmals können Thurgauer:innen und Genfer:innen in ihrer eigenen Sprache miteinander debattieren. Die Onlineplattform «dialog» der SRG schlägt die Brücke über den Röstigraben. Ein Schlüssel zu mehr gegenseitigem Verständnis und gemeinsamer Identität.

«Happy Day»: Nicht nur Glitzerregen und Freudentränen

Menschen überraschen und glücklich machen: Das ist seit 17 Jahren das scheinbar einfache Rezept der Sendung «Happy Day». Doch hinter jeder Folge stecken lange Vorbereitungen. Und jede Folge muss hohe Qualitätskriterien erfüllen. Die Sendung ist laut SRF-Unterhaltungschef Reto Peritz so beliebt, weil sie verbindend wirkt: «Sie ist wie sozialer Kitt.»