Von ADHS bis zur «Todesfalle Haute Route»: Bildung mit Dok-Filmen
Sie sorgen für mehr Sicherheit in den Bergen oder bringen Lehrpersonen das Thema ADHS näher: Viele SRF-Dokumentarfilme sind nicht nur unterhaltend, sondern werden regelmässig in der Aus- und Weiterbildung von Erwachsenen eingesetzt. Damit fördern sie das Wissen in der Bevölkerung, sensibilisieren.
Die «Haute Route» zwischen Charmonix und Zermatt gilt als Königin der Skitouren. Seit dem 29. April 2018 steht die hochalpine Route aber auch für eine der grössten Tragödien in den Alpen, bei der sieben Menschen ums Leben kamen. Wie es dazu kommen konnte, rekonstruiert der SRF-Dok «Todesfalle Haute Route». Die detaillierte Nachzeichnung des Unglücks ist packend – und dient als Lehrstück, um die Sicherheit in den Schweizer Bergen zu erhöhen: So setzt die «Sektion Uto», die mitgliederstärkste Sektion des Schweizer Alpen-Clubs SAC, den Film seit geraumer Zeit im Modul «Führen am Berg» ein.
Bewusstsein bei Tourenleiter:innen schärfen
«Die Dok gehört bei uns standardmässig zum obligatorischen Modul für Tourenleitende», sagt Stefan Hatt vom Vorstand des SAC Uto. Die angehenden Leiter:innen schauen den Film zuhause und diskutieren ihn danach im Modul. «Im Fokus stehen Schlüsselmomente», sagt Hatt. «Wo sind welche Entscheidungen gefällt worden oder eben nicht? Und weshalb?» Dabei spreche man auch über Faktoren, die Entscheidungen beeinflussen – etwa die Dynamik und die Wertvorstellungen in einer Tourengruppe. Die Diskussion solle bei den Teilnehmenden dazu führen, das eigene Wertesystem zu reflektieren. Dass der SAC Uto dafür den SRF-Dok einsetzt, hat laut Ausbildner David Luber viel mit dessen Machart zu tun. «Der Dok zeichnet die Tragödie realistisch und differenziert nach.» Das unterscheide ihn von anderen Filmen, die oft reisserisch seien. «Todesfalle Haute Route wertet kaum, zeigt aber klar auf: Auch Profis machen Fehler», so Luber.
Szene aus dem Dokfilm über das Drama zwischen Charmoix und Zermatt
SRF/SRG/Servus TV/Arte
«Das ist der Mehrwert, den die SRG bieten kann»
Frank Senn, Regisseur des SRF-Doks, freut sich über den Einsatz seines Filmes. «Es war das Ziel, Diskussionen auszulösen – toll, dass dies nun geschieht.» Laut Senn wurde der Film auch andernorts schon eingesetzt, etwa bei der Swisscom im Rahmen eines Leadership-Seminars. «Das ist genau der Wert, den ein solcher Film über das rein filmische Erlebnis hinaus schaffen kann.»
Frank Senn, Regisseur des Dokfilms «Todesfalle Haute Route»
SRF/Sara Senn-Hauser
Es sei schön, dass «Todesfalle Haute Route» für Schulungen genutzt werde – auch mit Blick auf den immensen Aufwand für die Produktion. Für den Regisseur ist klar: «Diesen Aufwand kann nur ein öffentlich-rechtlicher Sender leisten. Das ist der Mehrwert, den die SRG bieten kann und muss.»
Diskussionen in Gang bringen
Senns Dok ist nicht die einzige aus dem grossen Fundus von SRF, der zu Bildungszwecken eingesetzt wird. So sehen sich angehende Lehrpersonen der Sek-I-Stufe an der Pädagogischen Hochschule (PH) Zürich im Unterricht Ausschnitte aus dem Film «Leben mit ADHS» an. In diesem begleitet Regisseurin Michèle Sauvain drei Jugendliche mit ADHS – nachdem sie deren Kindheit bereits sechs Jahre zuvor in einem ersten Film dokumentiert hat.
Filmemacherin Michèle Sauvain begleitet manche ihrer Protagonist:innen über viele Jahre.
Bild: zVg
«Ich setze gezielt Szenen des Films ein, um theoretische Inhalte des Unterrichts zu veranschaulichen», sagt André Kunz von der PH Zürich. Als Beispiel nennt der Leiter des Wahlbereichs Sonderpädagogik für die Sekundarstufe I die Reizüberflutung bei Menschen mit ADHS, die Sinneseindrücke oft intensiver wahrnehmen und Schwierigkeiten haben, diese zu filtern und zu verarbeiten. «Nachdem wir die entsprechende Sequenz geschaut haben, erläutere ich die Theorie – etwa zum Arbeitsgedächtnis und den exekutiven Funktionen des menschlichen Gehirns.»
Die Sequenzen helfen Kunz dabei, die abstrakten Theorien und Konzepte fassbar zu machen. Und sie fördern bei den angehenden Lehrer:innen das Verständnis dafür, wie unterschiedlich die Lernvoraussetzungen von Schüler:innen sein können. «Sie erhalten unmittelbar Einblick in die Lebenswelt der Betroffenen», so Kunz. Die Ausschnitte aus «Leben mit ADHS» dienen im Unterricht auch als Grundlage für Diskussionen, beispielsweise über den Einsatz von Ritalin bei ADHS. «In diesem Dok – und in anderen SRF-Produktionen – werden die verschiedenen Haltungen zu diesem kontroversen Thema dargestellt. Das ist sehr hilfreich, um eine Diskussion anzustossen.»
Szene aus dem Film «Leben mit ADHS»: Er begleitet drei Jugendliche mit ADHS.
Neben den ADHS-Filmen von Michéle Sauvain werden in der Ausbildung von Oberstufenlehrer:innen an der PH Zürich weitere Produktionen von SRF als Lehrmaterial genutzt. Eine Folge von «Sternstunde Philosophie» zum Beispiel, die das Thema Behinderung aus philosophischer Sicht aufgreift, oder die Dok «Handicap Behinderung: Das Märchen von der Inklusion». Die PH Zürich produziere zwar auch selbst Filme zu bestimmten Unterrichtsinhalten, sagt Kunz. «Das ist aber ein Riesenaufwand. Deshalb sind wir immer auf der Suche nach externem Material.»
Gegen die gesellschaftliche Stigmatisierung
Auch Daniela Chirici greift bei ihrer Arbeit gerne auf die ADHS-Filme von SRF-Produzentin Michèle Sauvain zurück. Die diplomierte Elternberaterin unterstützt nicht nur Familien, in denen ein Kind ADHS hat, sondern hält vor Lehrerpersonen und Therapeut:innen regelmässig Vorträge zur neurologischen Entwicklungsstörung. «Die Filme fördern das Verständnis für die Erkrankung, für die Betroffenen und ihre Angehörigen», sagt sie. Dass Chirici dieses Verständnis wichtig ist, hat einen persönlichen Grund: Ihr Sohn Kilian lebt mit ADHS – und wird in beiden Dok-Filmen sowie einer SRF-Reportage begleitet. «Beim ersten Film war Kilian 9, beim letzten 18 Jahre alt. Die Filme zeigen seine Entwicklung über eine lange Zeit, was sehr schön zu sehen ist», sagt Chirici.
Sie gingen differenziert mit dem Thema um, seien von viel Fingerspitzengefühl und Empathie geprägt. «Dadurch wird die Erkrankung fassbar – und die Hürden, die sie mit sich bringt, werden nachvollziehbarer.» Das helfe den Betroffenen und ihren Familien, denn: «Man wird als Eltern schnell verurteilt, wenn sich das Kind auffällig verhält.» Dass die Filme dieser gesellschaftlichen Stigmatisierung entgegenwirken, zeigt sich auch in den Rückmeldungen, die Chirici im beruflichen, aber auch privaten Umfeld erhält. «Ich bekomme immer wieder sehr einfühlsame Feedbacks. Viele Menschen interessieren sich dafür, wie es weitergeht mit Kilian.»
Die Filme fördern aus Chiricis Sicht nicht nur das Verständnis für Menschen mit ADHS in der breiten Bevölkerung, sondern bieten auch als Schulungsmaterial für Fachpersonen einen Mehrwert. «Sie zeigen sehr gut auf, wie wichtig es bei ADHS ist, dass alle Beteiligten – Eltern, Lehrpersonen und Therapeut:innen – an einem Strang ziehen.»
Aktuell, aber auch zeitlos
Dass ihre Filme zu Schulungszwecken eingesetzt werden, schätzt Filmemacherin Michèle Sauvain. «Es bedeutet, dass ein Fachpublikum meine Filme als informativ, lehrreich, inhaltlich richtig und auch als genügend unterhaltsam beurteilt, um sie Lernenden in verschiedenen Gebieten zu zeigen.» Die SRF-Produzentin hat den Anspruch, dass ihre Arbeit von Fachpersonen genauso geschätzt wird wie von Laien. «Mein Ziel ist es, Filme zu machen über Themen, die aktuell, aber auch zeitlos sind. Damit haben sie eine gewisse Allgemeingültigkeit – so dass man sie immer wieder zeigen kann.» Manche ihrer Protagonist:innen begleitet sie über Jahre, wie Kilian: «Ihn habe ich kennengelernt, als er 7 Jahre alt war, jetzt ist er 21 und ich habe soeben wieder mit ihm gedreht. Solche Langzeitbeobachtungen kann nur die SRG machen.»
Bei ihren Produktionen verfolgt Michèle Sauvain ausserdem immer einen positiven Ansatz. «Ich suche zu den gesellschaftlich relevanten Themen jeweils betroffene Personen, die aus ihrer Situation etwas Positives machen und neue Wege gehen», sagt sie. Damit will sie auch das Publikum ermuntern, das Glas halbvoll zu sehen. «In der heutigen Zeit, in der die Medienlandschaft von Bad News und Dramen geprägt ist, finde ich das enorm wichtig.»
Tobias Hänni, August 2025