«Die gemeinsame Erschütterung verbindet die Menschen»

Die Brandkatastrophe von Crans-Montana hat in der ganzen Schweiz Betroffenheit ausgelöst. Mediensoziologe Hanno Scholtz erklärt, inwiefern mediale Berichterstattung über solche Katastrophen zum nationalen Zusammenhalt beitragen – und wo sie zu Problemen führen kann.

Beim Brand in einer Bar in Crans-Montana kamen 41 Menschen ums Leben, etwa die Hälfte war noch minderjährig. Nationale und internationale Medien berichteten während Wochen. Radio Télévision Suisse (RTS) war besonders nah dran und hat sogar einen Dokfilm über das Weiterleben nach der Katastrophe gemacht. Welchen Mehrwert hat die Berichterstattung über so ein tragisches Ereignis?

Wir bewegen uns hier auf einem Grat zwischen Solidarisierung und Skandalisierung. Einerseits fühlen wir mit den Betroffenen mit, andererseits suchen wir nach einem Sündenbock. Beides kann uns helfen, in Zukunft genauer und strenger hinzuschauen, damit so etwas nicht mehr vorkommt. Dafür brauchen wir eine gute Informationsgrundlage.

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Mein Eindruck ist, dass die Schweizer Gesellschaft von der Medienberichterstattung über diese Katastrophe profitiert hat.»
Hanno Scholtz, Mediensoziologe

Wir wissen aus der Forschung, dass Katastrophenberichterstattung einen nachhaltigen Impact hat. Mein Eindruck ist, dass die Schweizer Gesellschaft von der Medienberichterstattung über diese Katastrophe profitiert hat. Denn die Politik scheint aus ihren Fehlern zu lernen und in der Katastrophenprävention Konsequenzen zu ziehen.

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Mediensoziologe Hanno Scholtz ist überzeugt: Die Berichterstattung über Crans Montana hat zum nationalen Zusammenhalt beigetragen.

zVg

Sie sprechen vom «Sündenbock». Wäre es sinnvoller, direkt nach der Katastrophe nicht über mögliche Ursachen zu berichten?

Nein, Ursachenforschung ist sehr wichtig. Problematisch wird es erst, wenn Medien skandalierend berichten. Das sieht man gut an Beispielen aus den USA: Die Gesellschaft ist dort in vielen Bereichen stark gespalten – die medialen Mechanismen haben zu dieser Spaltung beigetragen. Und im Wallis ist das im Kleinen ja auch passiert. Plötzlich heisst es: «Im Wallis wird nie was überprüft!» In meiner Wahrnehmung gab es dadurch aber keine gesellschaftliche Spaltung, im Gegenteil: Durch die Arbeit an den Ursachen haben sich sogar neue gemeinsame Perspektiven aufgetan.

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Nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana war das Medieninteresse gross.

KEYSTONE Alessandro della Valle

Also hat die Katastrophenberichterstattung sogar zum nationalen Zusammenhalt beigetragen?

Die unmittelbare Erschütterung am Jahresanfang hat wirklich alle erfasst. Das war schon sehr eindrücklich. Was in dieser Silvesternacht passiert ist, hat die Schweizer Gesellschaft stark erschüttert. Viele Menschen befanden sich noch lange danach in einem Verarbeitungsprozess. Echt erstaunt hat mich auch, wie lange sich die Berichterstattung gehalten hat – trotz der aktuellen Weltlage, die uns ja ständig mit neuen Informationen bombardiert!

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Medienkonferenz nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana.

KEYSTONE Alessandro della Valle

Lässt sich dieses anhaltende Interesse mediensoziologisch erklären? Immerhin passieren immer wieder Katastrophen, zum Beispiel Busunfälle, Lawinen, Zugentgleisungen…

Natürlich gibt es Busunglücke, denen ähnlich viele Menschen zum Opfer fallen. Aber hier haben wir es mit sehr jungen Menschen zu tun, die noch dazu in einer Feuerhöhle eingeschlossen waren. Da fühlen viele Menschen stark mit. Es kommen also Dinge zusammen, die über die reine Opferzahl hinausgehen. Zugleich muss man aber auch sagen, dass die Berichterstattung vielleicht nicht so intensiv und langanhaltend gewesen wäre, hätte sich die Katastrophe ein paar Wochen später ereignet.

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Jeder Mensch auf der ganzen Welt hat gerade den Jahreswechsel hinter sich. Es ist also ein sehr kollektives Ereignis.»
Hanno Scholz

Warum nicht?

Ein wichtiger Verstärker ist die Tatsache, dass es in der Silvesternacht passiert ist. Das ist eine Zeit, in der ohnehin ein Nachrichtenloch herrscht, weil viele Redaktor:innen in den Ferien sind. Und auch auf einer persönlichen Ebene ist das wichtig: Jeder Mensch auf der ganzen Welt hat gerade den Jahreswechsel hinter sich. Es ist also ein sehr kollektives Ereignis. Dann sowas zu erleben, ist in besonderer Weise erschütternd. Aber es ist diese gemeinsame Erschütterung, die die Menschen wiederum miteinander verbindet. Ein paar Wochen später haben die USA den Iran angegriffen und auf einmal ist die Öffentlichkeit absorbiert von einer geopolitischen Ereigniskette. Da hätte es viel weniger Platz in den Nachrichten gegeben, um so lange und intensiv über Crans-Montana zu berichten.

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Der Jahreswechsel ist ein sehr kollektives Ereignis. Dann sowas zu erleben, ist in besonderer Weise erschütternd. Aber es ist diese gemeinsame Erschütterung, die die Menschen wiederum miteinander verbindet.»
Hanno Scholz

Hat die Berichterstattung über Crans-Montana nicht nur den Zusammenhalt, sondern auch die Solidarität unter den Menschen gefördert?

Interessanterweise hat gerade die Berichterstattung über Solidarität auch echte Solidarität gefördert. Zum Beispiel hat das SRF-Regionaljournal Zürich Schaffhausen im Januar darüber berichtet, dass die Familien der Brandopfer nach Wohnungen suchten, um ihren schwer verbrannten Kindern im Krankenhaus nah sein zu können. Auf diesen Bericht hin wurden ihnen tatsächlich Unterkünfte angeboten, und das im Zürcher Wohnungsmarkt! Dank der Unterstützung von anderen fanden viele Familien also tatsächlich rasch eine Unterkunft. Solche Entwicklungen haben ganz klar den sozialen Zusammenhalt gestärkt. Es ist eine Art gesellschaftliches Zusammenrücken: Da ist etwas Schlimmes passiert und die Gesellschaft muss irgendwie damit fertig werden.

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Soziales Vertrauen ist eine wichtige Grundlage für eine funktionierende Demokratie und wird durch ein Gefühl von sozialem Zusammenhalt sehr gestärkt.»
Hanno Scholz

Wirkt sich ein stärkerer sozialer Zusammenhalt auch auf die Demokratie aus?

Das Gefühl des sozialen Zusammenhalts stärkt das sogenannte soziale Vertrauen, wie wir es in der Soziologie nennen. Damit ist das Vertrauen der Bürger:innen untereinander gemeint. Und dieses soziale Vertrauen ist eine wichtige Grundlage für eine funktionierende Demokratie. Wächst die Solidarität unter der Bevölkerung, tut das der Schweizer Gesellschaft – und der Demokratie – auf jeden Fall gut.

Noemi Harnickell, März 2026

Wie es war, vor Ort zu berichten: Wie RTS-Reporterin Flore Dussey den 1. Januar erlebte

Als Flore Dusseys Handy um 5:31 Uhr des 1. Januar 2026 klingelt, ahnt sie bereits, dass etwas Schreckliches vorgefallen sein muss. Als sie die Begriffe «Crans-Montana» und «Le Constellation» hört, beginnt sie zu zittern: Die Bar liegt nur zehn Minuten von ihrem Zuhause entfernt. Flore Dusseys 15-jährige Tochter geht dort regelmässig mit ihren Freundinnen hin, obwohl sie dafür eigentlich noch zu jung ist.

Trotz der Ungewissheit gelingt es Flore Dussey, in den «Kriegsreporterinnen»-Modus zu schalten. Sie berichtet live im Radio, was sie vor Ort erlebt: Ermittler in weissen Overalls, Feuerwehrleute, die Ausrüstung wegpacken, der Geruch von Schwefel, der in der Luft hängt. «Kaum vorstellbar», sagt sie, «dass vor knapp sechs Stunden 40 Menschen ums Leben kamen und 119 verletzt wurden.» Als kurz darauf ihr Team eintrifft, erhält Flore Dussey endlich die gute Nachricht: Ihre Tochter schläft friedlich bei Freunden zu Hause!

Aber die Arbeit wartet nicht. «Meine Kollegen und ich reihten Interviews, Live-Schaltungen, Telefonate und auch Tränen aneinander», erzählt Flore Dussey. «Zwischen den Aufnahmen umarmten wir uns und trösteten uns gegenseitig.»

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Kommentar

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