«Wissenschaftsjournalismus ist ein Must»

Beat Glogger ist Wissenschaftsjournalist der ersten Stunde. Er moderierte von 1985 bis 1999 «Menschen Technik Wissenschaft» auf DRS, gründete eine Agentur für Wissenschaftskommunikation und betreute jahrelang die Wissen-Seiten von «20 Minuten». Im Gespräch erklärt Glogger, was er über die Kürzungen im Wissenschaftsbereich von SRF denkt, warum Wissenschaftsjournalismus heute wichtiger denn je ist und weshalb er mal nackt vor der Kamera stand.
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Beat Glogger, Wissenschaftsjournalist, im Interview

Bild: zVg

Herr Glogger, Sie widmen Ihr Leben der Wissenschaft. Glauben Sie, dass Sie glücklicher wären, wenn Sie weniger wüssten?

Na klar! Wer nichts weiss, kann das Leben sorgenfrei geniessen. Das stand schon im Evangelium: «Beati pauperes spiritu» – «Glücklich sind die geistig Armen.» Am Anfang der Corona-Pandemie ging ich mehrmals mit Covid-Leugnern – oder Massnahmen-Gegner, wie sie sich später selbst nannten – in Talks, aber die Ohnmacht im Angesicht von so viel Ignoranz hat mich an den Rand eines Burnouts gebracht.

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Es ist einfacher, Fake News zu veröffentlichen, als die wahren Hintergründe zu recherchieren.»
Beat Glogger

Wozu betreiben Sie dann überhaupt noch Wissenschaftsjournalismus?

Ich weiss, dass jene, die den Fake News glauben, ihre Meinung nicht ändern werden. Es sind die Leute, die auf der Kippe stehen, die wir erreichen müssen. Es ist ein uraltes Credo, aber die Leute brauchen Fakten, um Entscheidungen treffen zu können. Unsere oberste Aufgabe ist darum das Debunking, also das Widerlegen von Falschaussagen. Leider sind Fake-News-Kanäle viel schneller als wir Wissenschaftsjournalist:innen. Es ist einfacher, Fake News zu veröffentlichen, als die wahren Hintergründe zu recherchieren. Den ganzen Mist, der im Internet verbreitet wird, den müssen wir knallhart Punkt für Punkt widerlegen.

Viele Fake News klingen ja tatsächlich erstmal sehr plausibel.

Vor allem dann, wenn sie auch noch gut ins eigene Weltbild passen! Fake News stehen zwar auf einem falschen Fundament, aber sie sind logisch konstruiert und für viele Menschen attraktiv. Aber jemand, der ihnen noch nicht ganz auf den Leim gegangen ist, kann besser akzeptieren, dass die Wahrheit eine andere ist. Und da kann man mit dem Debunking rein.

Wie könnte so ein Debunking aussehen?

Nehmen wir mal Telegram-Kanäle, die Falschaussagen über die Corona-Impfung verbreiten. Eine riesige Zahl dieser Posts stammt gar nicht von Menschen, sondern wird von Bots generiert. Diese schnappen Stichworte auf und verstärken sie mit süffigen Kommentaren. Um dem eine Kraft entgegenzustellen, könnte die SRG zum Beispiel einen verlässlichen Bot aufsetzen, der proaktiv auf die Fake News in den Kanälen reagiert, Aussagen einordnet und reale News veröffentlicht. Der Bot müsste davor mit gut recherchierten Fakten gefüttert werden.

Die Corona-Impfung ist nicht das einzige polarisierende Thema. Im 2024 wurde zum Beispiel eine Studie veröffentlicht, in Tampons befänden sich Spuren von Schwermetallen. Wie geht der Wissenschaftsjournalismus mit Meldungen um, über die noch nicht viel bekannt ist?

Auch da kann eine Form des Debunking helfen. Schwermetalle in Tampons sind ein super Beispiel, denn das ist ja erstmal sehr intim. Ein Tampon wird direkt in den Körper eingeführt. Dass Schwermetalle grundsätzlich gefährlich sind, ist eine Tatsache. Als Wissenschaftsjournalist versuche ich also erstmal zu verstehen, mit was wir es zu tun haben: Welche Schwermetalle kommen vor? Und was können diese im Körper ausrichten? Wichtig ist aber auch: In welchen Mengen befinden sie sich in den Tampons? Allein die Nachricht, dass Tampons Schwermetalle aufweisen, ist noch kein Grund zur Panik.

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In der Wissenschaft redet man sowieso ungern von Wahrheit. Man sagt allenfalls: Wir nähern uns der Wahrheit.»
Beat Glogger

Die Wahrheit ist also stark kontextabhängig.

In der Wissenschaft redet man sowieso ungern von «Wahrheit». Man sagt allenfalls: «Wir nähern uns der Wahrheit.» Man prüft alle Möglichkeiten und nimmt davon die wahrscheinlichste. Mit neuen Daten kann sich aber das Bild wieder verschieben. Peter Studer, der frühere SRF-Chef, sagte immer: «Wir sind der Wahrhaftigkeit verpflichtet.»

In den 80er-Jahren haben Sie selbst erlebt, wie ambivalent die Wahrheit sein kann. Ich spreche auf das Waldsterben an.

Das war eines der grössten Themen damals. Das Waldsterben hat die Politisierung des Umweltschutzes, aber auch die Ökologisierung der Politik massgeblich vorangetrieben. Unsere Sendung «Menschen Technik Wissenschaft» hat zunächst etwas zu gutgläubig darüber berichtet. Heute wissen wir, dass die Luftverschmutzung dem Wald – und natürlich auch den Menschen – zusetzt. Aber «gestorben» ist der Wald dann doch nicht. Später haben wir die Befunde relativiert und eingeordnet. Auch das gehört zum Wissenschaftsjournalismus dazu.

Alarmismus muss also nicht zwingend schlecht sein?

Bei diesem konkreten Beispiel würde ich sagen: Es war gut, dass man auf den Alarmknopf gedrückt hat. Die Diskussion rund um das Waldsterben hat etwa dazu geführt, dass Politik und Gesellschaft eine Luftreinhalteverordnung annahmen, eine Schwefelreduktion beim Heizöl und der Abgaskatalysator im Auto eingeführt wurde. Das ist gut für die Gesundheit, für die Gewässer und die Böden, ganz unabhängig davon, ob der Wald stirbt oder nicht. Es brauchte den Wissenschaftsjournalismus, um über die realen Zusammenhänge zu berichten. Bald folgte das erste Ozonloch und 1992 wurde die erste Weltklimakonferenz gehalten. Alle Zeitungen hatten auf einmal eine Wissenschaftsseite, Stellen wurden geschaffen – es herrschte damals eine unglaubliche Aufbruchstimmung.

Dass der Himmel blau ist, darüber sind wir uns alle einig. Aber oft widersprechen sich Studien. Wann ist für Sie ein Fakt ein Fakt?

Also erstens ist der Himmel nicht immer blau. Genauso gut könnten wir sagen, der Himmel ist schwarz. Aber grundsätzlich ist eine Aussage ein Fakt, wenn sie sich von unabhängigen Leuten mit anerkannten Methoden überprüfen lässt. Der ehemalige Arzt Andrew Wakefield behauptete, die Masernimpfung verursache Autismus. Dabei hatte er die Studienteilnehmenden über eine Selbsthilfeorganisation für Kinder mit Autismus gefunden. Natürlich hat da jedes geimpfte Kind auch Autismus – das ist ein Fakt, aber die Schlussfolgerung ist falsch. Es konnte nie ein ursächlicher Zusammenhang belegt werden, die Studie musste zurückgezogen werden, Wakefield verlor die Zulassung, führt nun aber in den USA eine sektenartige Organisation, die die falsche Behauptung zum Kern ihres Geschäfts gemacht hat. Oder wenn ein Influencer sagt, jemand habe nach der Corona-Impfung Krebs bekommen, ist das zwar eine Tatsache, aber Menschen haben auch nach dem Genuss von Pizza schon Krebs bekommen. Das heisst nicht, dass ein Zusammenhang besteht.

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Es brauchte den Wissenschaftsjournalismus, um über die realen Zusammenhänge zu berichten.»
Beat Glogger

Für Leute ohne wissenschaftlichen Hintergrund ist das nicht immer leicht zu erkennen. Brauchen wir mehr Wissenschaftsjournalist:innen?

Das Problem ist, dass es kaum noch Stellen gibt für Wissenschaftsjournalist:innen. Die meisten Medien haben gar keine Wissen-Seiten mehr, da helfen weder Ausbildung noch Fördergelder. Die grossartigste Recherche bringt nichts, wenn eine Redaktion nicht den Platz hat oder fachkundige Leute, die beurteilen können, ob ein Inhalt publizierwürdig ist. Was wir brauchen, sind Kanäle, in denen Wissenschaftsthemen publiziert werden können.

Wie sehen solche Kanäle aus?

Der Kanal «higgs.ch» hatte zwischen 2018 und 2022 mit mehreren Regionalzeitungen zum Beispiel folgenden Deal: Wir werden von unabhängigen Stiftungen finanziert und produzieren für die kooperierenden Medien wöchentlich eine Wissen-Seite – gratis. Die Redaktionen mussten nur noch die Inhalte drucken oder online stellen. Erst wenn es solche offenstehenden Kanäle gibt, nützen Fördergelder und Nachwuchsförderung.

SRF hat im Februar 2025 kommuniziert, dass beim Wissenschaftsjournalismus gespart wird. Es hat dann zwar weiterhin die grösste Wissenschaftsredaktion der Schweiz, stellt aber das «Wissenschaftsmagazin» ein. Wie schätzen Sie diesen Entscheid ein?

Der Entscheid ist nicht nachvollziehbar. Neben dem Spardruck dient als Begründung eine Umfrage, die gezeigt hat, dass die Hörerschaft am bisherigen Sendeplatz am Samstag inmitten eines Kulturprogramms keine Wissenschaft erwartet. Wenn die SRF-Leitung die Wissenschaft ernstnähme – was sie ja behauptet! –, wäre die logische Reaktion auf dieses Umfrageergebnis, die Sendung an einen Ort zu verschieben, wo sie ihr Publikum findet. Die Abschaffung zeigt, dass man den Wert der Wissenschaft weder erkannt hat noch schätzt.

Der Wissenschaftsjournalismus hat auch weiterhin einen festen Sendeplatz auf Radio SRF. Seit Januar 2026 gibt es im «Echo der Zeit» jeweils montags «Echo Wissen» eine neue Rubrik und damit einen fixen Sendeteil für Wissen und Wissenschaft.

Wie interessiert man die Leute in Zeiten von Tiktok noch für trockenere Wissensformate?

Man muss die Beiträge so attraktiv bebildern und schreiben, dass die Leute sich die Storys einfach reinziehen. Als ich 1985 bei «Menschen Technik Wissenschaft» anfing, war die Sendung noch eher Schulfernsehen. Ich habe immer darauf hingearbeitet, dass das Format populärwissenschaftlich wurde. Das fanden damals einige gestandene Wissenschaftsjournalist:innen furchtbar. Aber wenn sich das Publikum nicht emotional angesprochen fühlt, dann zappen die Leute weg.

Wie schafft man die Verbindung zwischen Emotionalität und faktenorientierter Berichterstattung?

Man muss interaktiv sein, witzig, ein bisschen frech. Keine Kompromisse erlaube ich bei der Faktentreue, aber in der formalen Varianz und in der Experimentierfreude darf es keine Tabus geben. In den 90er-Jahren stand ich einmal nackt vor der Kamera, um zu zeigen, wie man in ein Hochsicherheitslabor reinkommt.

Wissenschaftsjournalismus hat also nicht an Bedeutung verloren?

Im Gegenteil: Wissenschaftsjournalismus ist ein Must. Er ist die Basis für alles, was in der Gesellschaft passiert. Sagen wir’s so: Bevor das Schiesspulver nicht erfunden ist, kann der Feldherr nicht Krieg auf Distanz führen. Als Erstes kommt immer die Technologie, dann die Anwendung – wenn die Gesellschaft Bescheid weiss, kann sie mitentscheiden, wie die Technologie angewendet wird. Das liegt in unserer Verantwortung. Der Wissenschaftsjournalismus erlaubt den Menschen, sich faktenbasiert zu entscheiden.

Noemi Harnickell, August 2025

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