So weit die Stimme trägt: Jodel verbindet die Schweiz

Wenn im Sommer das Eidgenössische Jodlerfest in Basel steigt, wird nicht nur die Musik gefeiert, sondern auch der neue Eintrag des Jodels auf der UNESCO-Liste des Immateriellen Weltkulturerbes. Der Jodel beeinflusst seit jeher die Musik in allen Sparten – fristet aber gleichzeitig ein Nischendasein und ist auf Medienpräsenz wie jene der SRG angewiesen, um zu überleben.

Vom Naturjuuz im Muotathal über die Zäuerli im Appenzellerland bis hin zum Berneroberländer Naturjodel: Der Jodel ist so vielfältig wie die Schweiz selbst.

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Die Vielfalt des Jodel zeigt, dass er eine lebendige Tradition ist, die sich im Laufe der Geschichte immer wieder verändert und neu erfunden hat.»
Lea Hagmann, Musikethnologin und SRF2-Redaktorin

«Die Vielfalt des Jodel zeigt, dass er eine lebendige Tradition ist», sagt Musikethnologin und SRF2-Redaktorin Lea Hagmann. «Eine Tradition, die sich im Laufe der Geschichte immer wieder verändert und neu erfunden hat.»

Im Dezember 2025 wurde der Jodel auf die Liste des Immateriellen Weltkulturerbes der UNESCO gesetzt. Pünktlich, könnte man sagen, zum 32. Eidgenössischen Jodlerfest, das Ende Juni 2026 in Basel stattfindet. Das Jodelfest wird auch von der SRG unterstützt, die damit einen Beitrag dazu leistet, Vereine und Chöre aus der ganzen Schweiz zusammenzubringen und den Jodel durch die Berichterstattung sichtbar zu machen.

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Ohne die SRG hätten wir nicht nur weniger Sendezeit, sondern auch weniger Publikum und aktive Teilnehmer.»
Emil Wallimann, Dirigent des Jodlerklubs «Fruttklänge»

Was das für die Jodler:innen bedeutet, bringt Emil Wallimann, Dirigent des Jodlerklubs «Fruttklänge» auf den Punkt: «Ohne die SRG hätten wir nicht nur weniger Sendezeit, sondern auch weniger Publikum und aktive Teilnehmer.»

Alphornmelodien als Gegensatz zur Industrialisierung

Das Eidgenössische Jodlerfest verkörpert Schweizer Kultur wie aus dem Bilderbuch. Es ist ein buntes Gemenge aus Trachten, Schweizerfahnen und Alphörnern. Da wird über die Berge gesungen, hier beisst jemand in eine Bratwurst, Männer in Berner Mutz und Sennechutteli stehen Schulter an Schulter beim gemeinsamen Biertrinken. Das Jodeln hat sich in den letzten 200 Jahren als identitätsstiftende Schweizer Tradition verankert. Seine Geschichte ist aber noch viel älter.

Bevor der Begriff «Jodeln» im Jahr 1796 zum ersten Mal auftauchte, gab es den sogenannten «Kuhreihen», ein Viehlockruf, mit dem die Kühe in den Stall gerufen wurden. Zudem wurde mit dem «Kuhreihen» ein Alpsegen ausgerufen: Die Älpler sangen in die Berge hinaus, um sich gegen Unwetter und wilde Tiere zu schützen. Der Schutz trug so weit, wie der Klang der Stimme reichte. So der Glaube.

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Der Muotathaler «Juuz» gilt als besonders archaische Form des Jodels.

zVg/Bernhard Betschart (SRF)

Als im 19. Jahrhundert wohlhabende Reisende die Schweiz besuchten, fühlten sie sich von den Alpen und ihrer Musik angezogen. Komponisten wie Liszt, Wagner und Brahms kehrten mit Alphornmelodien in die Heimat zurück und liessen sie in ihre eigenen Werke einfliessen. «Alphornmelodien wie ‹Kuhreihen› oder ‹Ranz des vaches› wurden zur Mode», erklärt Lea Hagmann. «Ein Symbol für die ländliche Idylle, eine pastorale Verklärung und ein Gegensatz zur Industrialisierung, die zeitgleich stattfand.»

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Die Musikethnologin Lea Hagmann hat sich intensiv mit der Geschichte des Jodelns auseinandergesetzt.

zVg

Das Jodlerfest bringt das Netzwerk zusammen

1910 wurde dann der Eidgenössische Jodlerverband gegründet, der heute 12’000 Mitglieder zählt. Der Jodel hatte sich verändert: Die Lieder wurden mehrstimmig, Begleitstimmen für das Klavier kamen dazu. Und anstelle von bedeutungslosen Silben gab es nun Strophen, in denen die Schönheit der Schweizer Natur besungen wurde. Das Ziel des Jodlerverbands ist heute das gleiche wie damals: Schweizer Brauchtum wie Jodeln, Alphornblasen und Fahnenschwingen lebendig zu halten – unter anderem mit einem Eidgenössischen Jodlerfest. Es fand 1924 zum ersten Mal und danach zumeist alle drei Jahre statt, dieses Jahr nun zum 32. Mal.

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Bereits das erste Eidgenössische Jodlerfest 1924 fand in Basel statt.

zVg/Archiv Eidgenössischer Jodlerverband

«Es ist ein grosses Kameradschaftstreffen», beschreibt Emil Wallimann den Grossanlass. Das ganze Jodler-Netzwerk komme zusammen und für viele Chöre sei es eine Gelegenheit, sich inspirieren zu lassen und neue Ideen aufzugreifen. «Im Jodel braucht es nebst dem Vertrauten und Urwüchsigen auch zwingend frische Impulse», so Wallimann. «Nur so kann er überleben.»

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Emil Wallimann ist Komponist und Dirigent, er schreibt auch eigene Jodellieder.

zVg/emilwallimann.ch (SRF)

Frische Impulse kommen und kamen vor allem aus der urbanen Jodelszene: So hat die Sängerin Christine Lauterburg schon in der 90er-Jahren Jodel mit Techno oder Blues gemischt – und wurde damals aus dem Jodlerverband ausgeschlossen.

Christine Lauterburg wurde aus dem Jodlerverband ausgeschlossen.

Wichtige nationale Bühne für die «Schönheit des Naturgesangs»

Die SRG berichtete in den vergangenen Jahren jeweils sehr umfangreich über die Eidgenössischen Jodlerfeste. Auch dieses Jahr sendet «Potzmusig» live vom Event und strahlt die Uraufführung zwei neuer Kompositionen aus. «Schweiz Aktuell» begleitet die Feierlichkeiten mit Live-Übertragungen, Reportagen, Interviews und Porträts vor und während des Fests. Und auch RTS und RSI greifen den Anlass auf.

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Der Jodel braucht dringend eine Bühne von nationaler Ausstrahlung, wie sie die SRG immer wieder bietet»
Emil Wallimann, Dirigent des Jodlerklubs «Fruttklänge»

Der Jodel brauche Medienpräsenz wie diese, um zu überleben, sagt Emil Wallimann. Denn er sei zum «Nischenprodukt» geworden: Chöre ringen mit niedrigen Mitgliederzahlen, viele Schweizer:innen können sich mit der Tradition nicht identifizieren. «In den letzten 15 Jahren haben sich die Auftritte von Chören halbiert», stellt Emil Wallimann fest. «Und wenn der Jodel in den Medien nicht mehr präsent ist, ist er auf einmal ganz weg.» Er brauche darum dringend eine Bühne von nationaler Ausstrahlung, wie sie die SRG immer wieder bietet. «Sodass auch andere die Möglichkeit haben, die Schönheiten von unserem Naturgesang kennenzulernen.»

Die Freude am Jodeln, so Wallimann, sollte am besten schon im Kindsalter geweckt werden. «Wenn man mit dem Jodel aufgewachsen ist, kommt man früher oder später darauf zurück.» Allerdings sei der Übergang vom Kinder- zum Erwachsenenchor aufgrund mangelnder Überbrückungsangebote oft schwierig. Es brauche darum mehr Angebote für Jugendliche.

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Im Vorfeld des Eidgenössischen Jodlerfestes sollen Kinder fürs Jodeln begeistert werden.

SRF

Wallimann hofft, dass das UNESCO-Label etwas bewegen wird. «Zum Beispiel, dass der Jodel wieder den Weg in die Schulzimmer findet.» An der Hochschule Luzern ist das bereits so: Dort wird Jodel seit 2018 als Hauptfach im Musikstudium angeboten.

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Jodeln ist Herzenssprache für mich.»
Jodel-Studentin an der Hochschule Luzern

Wallimann hofft, dass das UNESCO-Label etwas bewegen wird. «Zum Beispiel, dass der Jodel wieder den Weg in die Schulzimmer findet.» An der Hochschule Luzern ist das bereits so: Dort wird Jodel seit 2018 als Hauptfach im Musikstudium angeboten. Das sei schon heute in der Jodelszene spürbar, so Wallimann. Und die kleine Gruppe Studierender freut sich über die Möglichkeit, welche die Hochschule damit bietet. «Jodeln ist Herzenssprache für mich», sagt eine Studentin gegenüber SRF2. «Es ist eine sehr natürliche, sehr organische Art zu singen.»

Noemi Harnickell, Mai 2026

Hinweis: Sa, 27. Juni, 18:15 Uhr: «Potzmusig» berichtet auf SRF 1 live aus dem Jodlerdorf, inklusive Uraufführung von zwei neuen Kompositionen.

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Lea Hagmann hat für die Sendung «Passage» auf SRF 2 die Geschichte des Jodels aufgearbeitet und ist der Frage nachgegangen: Wie ist die Wechselwirkung zwischen Alltagskultur und Hochkultur, zwischen emotionalem Ausdruck und nationalistischer Symbolkraft bis hin zum Hochschulstudium?

Kommentar

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