«Ein neuer Standard wurde gesetzt»

Im März 2025 fand in St. Moritz erstmals eine kombinierte Freestyle- und Snowboard-WM statt. Die SRG war einerseits für die Produktion des Weltsignals verantwortlich. Andererseits begleiteten die sprachregionalen SRG-Sender die WM live und mit Hintergrundberichterstattung. Für den Freestyle als Nischensport bedeutete das mehr Sichtbarkeit. Davon profitieren auch Athlet:innen und Verbände.

Die Skier im rechten Winkel überkreuzt, die Arme an den Körper gepresst, der Oberkörper im Flug zur Seite gedreht. Die Freestylerin scheint in der Luft stehen zu bleiben, jede ihrer Bewegungen ist selbst im Flug mit Bedacht gewählt. Dann dreht sie sich, buchstäblich Hals über Kopf, ehe sie katzengleich wieder auf ihren Füssen landet. Die Bilder der Freestyle- und Snowboard-WM 2025 in St. Moritz sind etwas Besonderes – für die Sportler:innen, die Verbände, das Publikum und auch für die SRG. Die SRG war als „Host Broadcaster“ für die Produktion des Weltsignals verantwortlich, welches Fernsehstationen auf der ganzen Welt übernahmen. Zudem berichteten die sprachregionalen SRG-Sender live und mit Hintergrundberichterstattung von der Heim-WM Denn nicht nur wird zum ersten Mal eine Freestyle-WM in der Schweiz ausgetragen, SRF produziert ein eigenes Freestyle-WM-Magazin, die SRG produziert als Host-Broadcaster das Weltsignal des Wettbewerbs. . Das heisst: Rund 30 Fernsehstationen auf der ganzen Welt übernehmen die Aufnahmen der SRG für ihre eigene Berichterstattung.

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Waghalsige Sprünge gehören zum Freestyle dazu. Von blossem Auge sind sie oft schwierig nachzuvollziehen.

SRF

Neue Chancen für Athlet:innen dank Liveübertragung

«Dass die SRG die Live-Übertragung der Freestyle-WM produziert hat, war die Mega-Chance», hält Sacha Giger, Freestyle-Direktor bei Swiss Ski, enthusiastisch fest. Freestyle war bislang eher eine Nischensportart in der Schweiz. Die Live-Berichterstattung ändert das nun.

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Freestyle ist massiv globaler als alle anderen Schneesportarten.»
Sacha Giger, Freestyle-Direktor bei Swiss Ski

Und nicht nur das: Die Bilder der SRG rücken St. Moritz in den Fokus der internationalen Wahrnehmung: «Freestyle ist massiv globaler als alle anderen Schneesportarten», erklärt Giger. «Wo treten schon Schweizer:innen, Neuseeländer:innen und Chines:innen gegeneinander an?»

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Sacha Giger, Direktor Ski Freestyle, Snowboard & Telemark, hält die Live-Übertragung der Freestyle-WM durch die SRG für eine «Mega-Chance».

zVg

Insgesamt wurden über 70 Stunden der WM von den sprachregionalen SRG-Sendern live im TV, am Radio und in Livestreams gesendet, rund 760’000 Fernsehzuschauer:innen verfolgten die Wettkämpfe mit, über 115’000 Fans waren vor Ort dabei. «Das sind rund 10 Stunden mehr Ausstrahlung im TV als noch vor zwei Jahren bei der WM in Georgien», sagt Giger. Diese Reichweite schafft ganz neue Voraussetzungen für die Athlet:innen und Verbände. «Ladina und Dario Caviezel konnten dieses Jahr die Helvetia-Versicherung als Kopfsponsor gewinnen», erklärt Giger. Sprich: Der Schriftzug war auf dem Helm der beiden Snowboarder angebracht. «Das ist ein grosser Sponsor und er prangt an einer sehr sichtbaren Stelle. Möglich war das nur durch die Übertragung im Live-Fernsehen.»

Plattform für Anlass und Sportler:innen

Besser könnten die Wetterbedingungen am Donnerstag, 20. März nicht sein. Ein grenzenlos blauer Himmel streckt sich über das Engadin, der Schnee glitzert in der strahlenden Morgensonne. Die ersten Fans haben sich bereits am Corviglia-Hang versammelt. Hier findet gleich die erste Runde des Parallel-Slaloms der Männer statt.

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Die Corviglia-Piste ist einer von drei Standorten. Vier Rennen finden im Schnitt jeden Tag statt, einige sogar überschneidend.

SRF Remy Steiner

 

Die Figuren, die über den Hang flitzen, sind kaum sichtbar. Einmal blinzeln, schon sind sie unten im Ziel angelangt, wo Zuschauer:innen und Presseschaffende warten. Es ist ein Ereignis, das geradezu einlädt, auf dem Bildschirm mitverfolgt zu werden: Nahaufnahmen dokumentieren jedes Detailmanöver, fantastische Sprünge werden in Zeitlupe nochmal wiedergegeben.

Sämtliche Aufnahmen der Freestyle-WM werden vor Ort in Produktionsfahrzeugen produziert. Ein kleines Team etwa ist nur für die Produktion von Zeitlupen zuständig. Jemand anderes überprüft die kabellosen Kameras, während eine weitere Person die «Race Drohne» steuert, die hinter den Athelet:innen herfliegt. Zum Team der SRG, das für die Erstellung des Weltsignals verantwortlich ist, gehören gut 90 Personen. «Bei der Freestyle-WM in Georgien vor zwei Jahren, wo wir das Weltsignal nicht produzierten, hatten wir nur einen Journalisten und einen Kameramann sur place», erzählt Karin Nussbaumer, die Gesamtprojektleiterin der SRG-Produktion.

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Wir wollen dem Event und den Sportler:innen eine Plattform geben.»
Karin Nussbaumer, die Gesamtprojektleiterin der SRG-Produktion

«Kommentiert wurde das Rennen im Studio in Zürich.» Weil es sich dieses Jahr aber um eine Heim-WM handelt, kann das Team auch vertiefende Geschichten rund um die WM produzieren. «Wir wollen dem Event und den Sportler:innen eine Plattform geben», so Nussbaumer.

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Gesamtprojektleiterin Karin Nussbaumer hat den Überblick über die Produktion des Weltsignals.

SRF Remy Steiner

 

Eine brandneue Halfpipe für St. Moritz

Die Freestyle-WM war seit 2018 in Planung. Sie lässt sich in ihrer Grösse mit alpinen Meisterschaften vergleichen, war aber logistisch eine weitaus grössere Herausforderung. 1’800 Athlet:innen sind aus rund 50 Ländern angereist, gemeinsam mit Staff und Angehörigen – diese Zahl entspricht dem Drei- bis Vierfachen einer Ski-alpin-WM. Dazu kommt, dass eine Freestyle-WM 30 Medaillenentscheidungen in sich vereint, die parallel an drei verschiedenen Standorten ausgetragen werden.

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Es ist ein grosser Mehrwert für unsere Leistungsteams und unseren Nachwuchs, nicht weit reisen zu müssen, um gute Trainingsbedingungen vorzufinden.»
Sacha Giger, Freestyle-Direktor bei Swiss Ski

Ausserdem musste die für die Meisterschaft nötige Halfpipe auf dem Corvatsch extra gebaut werden. Auf 2’700 Metern Höhe zu bauen, ist jedoch nicht ganz einfach: Wind und Wetter sind unberechenbar, Schnee kann schon im August fallen. Weil die Landschaft zum Bundesinventar der Landschaften von nationaler Bedeutung gehört, mussten ausserdem verschiedene Umweltorganisationen in die Planung integriert werden. Die fertige Halfpipe ist nun 6,5 Meter tief, 40 Meter breit und 250 Meter lang. Mit vier Millionen Franken war der Bau zwar nicht gerade billig, gilt aber als Investition mit Zukunft. «Es ist ein grosser Mehrwert für unsere Leistungsteams und unseren Nachwuchs, nicht weit reisen zu müssen, um gute Trainingsbedingungen vorzufinden», sagt Sacha Giger. «2050 wird hier oben immer noch Schnee liegen. Ausserdem lässt die Höhenlage zu, dass die Athlet:innen früh trainieren können.» Und auch in Zukunft sollen auf dem Corvatsch grosse Wettbewerbe ausgetragen werden können.

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Die Halfpipe auf dem Corvatsch wurde 2024 eingeweiht. 4 Millionen Franken hat sie gekostet, soll nun aber eine wichtige Trainingsgrundlage sein.

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Minimale Technik dank fast zehn Kilometer Glasfaserkabel

St. Moritz bietet sich als Austragungsort für sportliche Grossanlässe an. «Der Ort weist eine lange Eventhistorie auf», sagt Milan Derouck, CEO der Freestyle-WM. «Zwei Winterolympiaden, fünf alpine Skiweltmeisterschaften – es war die logische Konsequenz, das Knowhow und die Infrastruktur weiter zu fördern, auszubauen, für die Zukunft zu wappnen und ein neues und junges Zielpublikum anzusprechen.»
Die vorhandenen Infrastrukturen in St. Moritz, fast zehn Kilometer Glasfaserkabel, sind seit Jahren in den Hängen verlegt und erlauben der SRG eine Produktion mit verhältnismässig geringem Aufwand. Über die drei Hänge verteilt hat das Produktionsteam insgesamt 50 Positionen, an denen Inhalte produziert werden.

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Dank kabellosen Kameras ist das Team flexibel am Hang unterwegs.

SRF Remy Steiner

«Eine Heim-WM ist das Grösste, das es gibt»

Auch die Athlet:innen freuen sich über die Heim-WM. Die 23-jährige Snowboarderin Flurina Bätschi sagt: «Das ist meine erste WM. Wenn sie live im Fernsehen gezeigt wird, hat das eine grosse Wirkung!» Und: Bätschis Familie kann ihr vor Ort zuschauen. «Das ist sehr emotional», so ihre Mutter, die im Ziel der Corviglia-Piste auf ihre Tochter wartet.

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Nachwuchstalent Flurina Bätschi freute sich trotz Niederlage über ihre erste WM – und noch dazu in ihrer Heimat.

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«Eine Heim-WM ist das Grösste, das es gibt – für jede:n Athlet:in», sagt Freestyle-Direktor Giger. «Viele sind sich grosse Events im europäischen Raum gar nicht gewöhnt.» Die SRG strahlt erstmals alle Qualifikationen aus und zeigt alle Finale. «Das ist ein riesiger Mehrwert für den Event, für die Region und für die Zuschauer:innen», sagt Karin Nussbaumer. «Wir hatten noch nie so tolle Bilder von einem Freestyle-Event.» Und Milan Derouck ergänzt: «Die Bilder, die wir von hier in die Welt senden, haben einen riesengrossen Effekt.»

Zufrieden trotz roten Zahlen

Insgesamt konnten über 100’000 Zuschauer:innen erreicht werden, neun Medaillen gingen an Schweizer Athlet:innen, fünf davon Gold. Das bedeutet Platz 1 für die Schweiz im Medaillenspiegel. Die Ticketverkäufe für die WM sowie das Interesse am breit angelegten Rahmenprogramm fielen allerdings eher bescheiden aus. Nur rund 15’000 Tickets wurden abgesetzt. Zum Vergleich: Die Biathlon-WM, die Ende Januar zum ersten Mal in der Schweiz stattfand, verzeichnete 80’000 Gäste.

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Wir haben der ganzen Schweiz gezeigt, dass wir Freestyle können!»

Die Veranstalter der Freestyle-WM hatten mit 20 Millionen Franken zudem zu knapp budgetiert und mussten ein Defizit von zwei Millionen Franken anmelden. Ein Misserfolg sei die WM dennoch lange nicht gewesen. Jan Steiner, CEO von Engadin Tourismus, freut sich über die 30’000 verbuchten Logiernächte. Er ist sicher: Durch die Verbreitung der von der SRG produzierten TV-Bilder werde sich das Ziel, ein jüngeres Publikum anzulocken, in der Wertschöpfung langfristig bezahlt machen. Ausserdem werde das Engadin in Zukunft weiteren Weltcup-Veranstaltungen auf den Anlagen Platz geben. Und auch Sacha Giger zieht eine positive Bilanz: «Das Qualitätsniveau der Medienproduktion war so hoch wie noch nie. Da wurde ein neuer Standard gesetzt. Wir haben der ganzen Schweiz gezeigt, dass wir Freestyle können!»

Noemi Harnickell, März 2025

Kommentar

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