«Queere Themen betreffen am Ende alle»

Der Podcast «Le royaume des Ex» bringt queere Lebensrealitäten einer breiten Öffentlichkeit näher. Damit macht RTS die Vielfalt in unserer Gesellschaft sichtbar und trägt zur Inklusion bei. Denn Medien hätten einen grossen Einfluss darauf, wie die Gesellschaft gewisse Themen wahrnimmt, sagen Expertinnen.

Die Liebe – kaum ein Thema bewegt viele Menschen so sehr wie dieses, kaum ein Thema interessiert mehr. Radio Télévision Suisse (RTS) nimmt sich in einem Podcast nun der vergangenen Liebe an. In «Le Royaume des Ex», übersetzt «Das Königreich der Ex-Partner:innen», begleiten Christine Gonzalez und Aurèle Cuttat ein homosexuelles Paar. Dieses trennt sich, lebt aber weiterhin unter einem Dach und gründet eine Familie.

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Aurèle Cuttat (links) und Christine Gonzalez, Medienschaffende bei RTS.

Bild: Anne Kearney, RTS

«Le Royaume des Ex» setzt auf Subjektivität und lässt in erster Linie die Protagonist:innen selbst zu Wort kommen. «Als öffentliches Medium haben wir die Aufgabe, vor Ort Menschen zu treffen, die unterschiedliche Lebensrealitäten haben», sagt Christine Gonzalez. Oftmals äusserten sich bei Medienberichten über queere Menschen zum Beispiel Politiker:innen oder Ärzt:innen – und nicht unbedingt queere Menschen selbst. Mit ihrem Podcast machen die beiden Medienschaffenden das Gegenteil: Sie gehen von den persönlichen Erfahrungen ihrer Protagonist:innen aus und diskutieren anhand derer übergeordnete queere Themen. Und die Subjektivität hört damit nicht auf. Die Medienschaffenden, die selbst ein queeres Paar sind – Aurèle Cuttat ist ein Transmann – berichten bewusst aus ihrer eigenen Perspektive: «Für mich ist es selbstverständlich, der Öffentlichkeit zu sagen, aus welcher Perspektive ich spreche. Das ist eine Frage der Ehrlichkeit», sagt Christine Gonzalez.

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Als öffentliches Medium haben wir die Aufgabe, vor Ort Menschen zu treffen, die unterschiedliche Lebensrealitäten haben.»
Christine Gonzalez, Medienschaffende bei RTS
«Ein grosser Trost fürs Herz»

Der Podcast werde aber keinesfalls von einer Minderheit für eine Minderheit gemacht, sagen die Medienschaffenden. Es gebe leider «oft einen Verdacht der Komplizenschaft oder der Abschottung», wenn es um queere Menschen gehe. Interviewe aber beispielsweise ein Wirtschaftsjournalist einen Unternehmensleiter, passiere das nie. «Le Royaume des Ex» ziele darauf ab, eine Mehrheit anzusprechen und Brücken zu schlagen. «Man geht davon aus, dass 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung queer sind», sagt Christine Gonzalez. All diese Menschen hätten Nachbarn, Eltern, Kinder, Freund:innen. «Das heisst, queere Themen betreffen am Ende alle. Dass wir sie aufgreifen, ist eine Frage der Menschlichkeit und Verbundenheit – auch das ist für mich die Aufgabe der öffentlichen Medien.» Die Rückmeldungen bestätigen, dass der Podcast in der breiten Öffentlichkeit ankommt – denn die Mehrheit stammt gemässe den RTS-Journalist:innen von heterosexuellen Menschen. «Die Geschichten haben mir geholfen zu verstehen, dass keine Situation mit Ex-Partner:innen unveränderlich ist», meldete beispielsweise jemand zurück. Und eine andere Person schrieb: «Der Podcast ist ein grosser Trost fürs Herz.»

Medien spielen Rolle bei Sensibilisierung

Aurèle Cuttat und Christine Gonzalez beschäftigen sich seit mehreren Jahren mit Genderfragen. Mit einem anderen Podcast, «Voyage au Gouinistan», haben sie 2023 beim Swiss Press Award den 2. Platz in der Kategorie Audio gewonnen. Dass es Formate wie diese gibt, ist gerade in der heutigen Zeit wichtig: Denn queere Themen sind aktuell wieder verstärkt Anfeindungen ausgesetzt. Expert:innen äussern sich daher positiv zum Engagement von RTS. Gerade Medien spielten eine wichtige Rolle bei der Sensibilisierung der breiten Öffentlichkeit, sagt Delphine Roux vom Genfer Verbandes der LGBTIQ+-Vereinigungen. «Glücklicherweise gelten die Medien bei vielen Themen nach wie vor als Autorität.» Dabei geht es laut Roux oft nicht nur darum, dass Themen aus dem queeren Spektrum aufgegriffen werden – sondern darum, wie sie aufgegriffen werden. Oftmals gelingt es Medien – absichtlich oder unabsichtlich – nicht, Genderfragen neutral zu thematisieren und inklusive Sprache zu verwenden. «Die Art und Weise, wie Medien Themen behandeln, beeinflusst aber deren Wahrnehmung in der Gesellschaft.» Deshalb sei zentral, dass Medien korrekte Informationen liefern, die keine Stereotypen bedienen, genau wie es «Le Royaume des Ex» tue.

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Die Art und Weise, wie Medien Themen behandeln, beeinflusst deren Wahrnehmung in der Gesellschaft.»
Delphine Roux, LGBTIQ+-Vereinigung
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Delphine Roux vom Genfer Verband der LGBTIQ+-Vereinigungen

Bild: Genfer Verband der LGBTIQ+-Vereinigungen

Kurse für Medienschaffende

Auch Valérie Vuille, Direktorin von «décadréE», schätzt den RTS-Podcast. Ihre Organisation setzt sich für Geschlechtergleichheit in der Sprache sowie in Medien und Werbung ein. Sie hofft, dass Medien zunehmend so inklusiv und sorgfältig queere Themen beleuchten und vielfältige Lebensrealitäten aufzeigen, wie «Le Royaume des Ex» das tut. Hierfür setzt sie sich gemeinsam mit Delphine Roux vom Genfer Verband der LGBTIQ+-Vereinigungen auch ein: Die beiden Organisationen führen Sensibilisierungs- und Informationsprojekte für Journalist:innen durch und haben Tools für Redaktionen entwickelt. «Wir geben Empfehlungen ab, wie beispielsweise Regenbogenfamilien, Transgender-Themen und LGBTIQ+-Personen behandelt werden sollten», erklärt Delphine Roux. «Im Gespräch mit Journalist:innen aller Generationen haben wir festgestellt, dass hier echter Bedarf besteht.»

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Valérie Vuille, Direktorin von «décadréE»

Bild: zVg

Insgesamt habe sich die Berichterstattung in den letzten zehn Jahren aber positiv entwickelt, sind sich die Expertinnen einig. Themen rund um die sexuelle Orientierung würden heute in den Medien viel korrekter behandelt als früher. Für Themen beispielsweise rund um Geschlechtsidentität oder Transsexualität wünschen sie sich hingegen mehr mediale Aufmerksamkeit. Medien hätten in LGB-Fragen also Fortschritte gemacht, sagt Delphine Roux. «Aber beim Ende des Akronyms stagnieren wir.»

Lucie Donzé, Januar 2026

Was LGBTIQ+ bedeutet

Der Begriff LGBTIQ+ setzt sich aus Anfangsbuchstaben verschiedener englischer Begriffe zusammen: Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Intersexual und Queer. Das «+» am Ende des Akronyms steht für alle Angehörigen dieser Community, die sich mit keinem der genannten Begriffe identifizieren können und eine andere sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität haben. Manchmal wird der Begriff auch noch durch ein «A» ergänzt, das für Asexuell steht.
Hier wird der Begriff in einem Video ganz einfach erklärt.

Kommentar

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