Ein Publikumspreis, von dem die ganze Branche profitiert

In der Romandie vergibt jedes Jahr eine Jury aus Bücherfans den «Prix du public RTS». Wer dafür nominiert ist, profitiert von immenser Sichtbarkeit für seine Arbeit. Der Preis unterstützt aber nicht nur Schriftsteller:innen. Er ist wichtig für den gesamten Literaturbetrieb in der französischsprachigen Schweiz.

Das Städtchen Saint-Ursanne, im Westen des Kantons Jura, malerisch an den Ufern des Doubs gelegen. Hier gibt es ein Buchcafé, in dem unlängst ein neuer Roman für aussergewöhnlichen Andrang sorgte. «Noch nie habe ich in so kurzer Zeit so viele Exemplare eines Buchs verkauft», sagt Phaedra Othman, Buchhändlerin im «Le Vent se lève». Das Buch von dem sie spricht: «Le secret de Thyrcée» von Aline Desarzens, ein historischer Abenteuerroman. Das Buch hat 2025 den «Prix du public RTS» gewonnen, den Publikumspreis des öffentlichen Fernsehens, der zu den wichtigsten Literaturauszeichnungen in der Westschweiz zählt.

In der kleinen Café-Buchhandlung fand im Dezember, kurz nach der Bekanntgabe des Siegerwerks, ein Treffen zwischen Autorin und Leser:innen statt. Sehr zur Freude von Buchhändlerin Phaedra Othman. Ihre Kund:innen schätzten den Preis, erzählt sie. Der Name RTS schaffe Vertrauen: «Der Preis ist ein Qualitätssiegel.»

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Phaedra Othman empfing die Preisträgerin des RTS-Publikumspreises 2025 in ihrer Café-Buchhandlung.

Bild: zVg

Jedes Jahr eine neue Jury

Der «Prix du public RTS» ist mit 10 000 Franken dotiert und wurde 1987 ins Leben gerufen. Dass RTS einen Literaturpreis vergibt, hängt mit dem Service-public-Auftrag zusammen: Die Konzession verpflichtet die SRG dazu, die Schweizer Kultur zu fördern. Dazu zählt auch die Literatur. Wer den Preis gewinnt, entscheidet eine Jury: Diese besteht aus 14 Mitgliedern, die jedes Jahr neu bestimmt werden – wobei jeweils zwei Personen aus jedem Kanton der Romandie ausgewählt werden. Die Voraussetzung dafür, in der Jury dabei zu sein: Man muss gerne lesen. Und viel – etwa 40 bis 50 Bücher im Jahr. Das Interesse ist jeweils gross, erzählt RTS-Journalist und Literaturkritiker Nicolas Julliard, der als Juryvorsitzender fungiert. «Jedes Jahr gehen fast 300 Bewerbungen ein.» Bei der Auswahl der Jurymitglieder werde auf Diversität geachtet. «Wir versuchen sicherzustellen, dass die Jury ein möglichst breites Spektrum an Alter, Geschlecht, Berufsgruppen und soziokulturellen Hintergründen widerspiegelt», so Julliard.

Die Jury liest dann zahlreiche Neuerscheinungen und entscheidet sich schliesslich für vier Finalist:innen. Dieses Jahr waren es nebst Siegerin Aline Desarzens die Autor:innen Chloé Falcy («La mécanique des ailes»), Antoine Rubin («Calcaires») und Léonie Adrover («Passage du soir»). Zu den Finalist:innen zu gehören, ist ein Garant für grosse Sichtbarkeit. So veröffentlicht RTS auf Social Media zum Beispiel Videoporträts aller Finalist:innen. Antoine Rubin sagt, er habe klar davon profitiert: «Dieses Porträt hat mir zweifellos viel Sichtbarkeit gebracht.»

Antoine Rubin, Autor von «Calcaires», nominiert für den RTS-Publikumspreis

Der Autor aus Biel hat in diesem Jahr auch den Schweizer Literaturpreis des Bundesamtes für Kultur erhalten und war letztes Jahr Finalist für den Literaturpreis der Stadt Lausanne. Er kennt mediale Aufmerksamkeit also – und weiss, dass es sie braucht. «Talent reichte oftmals nicht aus, um Bücher zu verkaufen», sagt Rubin.

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Die Sichtbarkeit, die RTS Autor:innen mit dem ‹Prix du public› verschafft, wirkt wie ein Katalysator.»
Antoine Rubin, Schriftsteller

Die Sichtbarkeit, die RTS Autor:innen mit dem «Prix du public» verschaffe, kombiniert mit dem Netzwerk, das entstehe, wirke wie ein Katalysator. Rubins Erfahrung deckt sich mit aktuellen Erkenntnissen: Sichtbarkeit ist ein entscheidender Faktor für das Kulturschaffen – und die SRG spielt hierbei in der Schweiz eine grosse Rolle, wie eine systematische Analyse unlängst zeigte.

Publikumspreis als besondere Anerkennung

Mitfinalistin Léonie Adrover sieht in der Nominierung eine besondere Anerkennung, weil es sich um einen Publikumspreis handelt. «Das bedeutet, dass mein Buch nicht nur Fachjournalist:innen gefallen hat, sondern auch einem breiteren Publikum», sagt sie.

Léonie Adrover, Finalistin des RTS-Publikumspreises 2025 für ihren ersten Roman «Passage du soir»

Besonders berührten sie Rückmeldungen von Leser:innen, die sie nicht kenne. Und hier spielte die mediale Aufmerksamkeit eine entscheidende Rolle: «Genau diese Menschen hätten ohne die mediale Aufmerksamkeit vielleicht gar nichts von meinem Buch erfahren», so Léonie Adrove. Ihr sei aber bewusst, dass sich die Qualität eines Buches nicht an der medialen Aufmerksamkeit messen lasse. «Denn abgesehen von der Qualität hängt eine Berichterstattung von vielen Faktoren ab, zum Beispiel von dem verfügbaren Platz in einem Medium. Als Autor:in hat man auf vieles keinen Einfluss.»

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Nicolas Julliard, Juryvorsitzender des RTS-Publikumspreises, und RTS-Radiomoderatorin Ellen Ichters moderieren gemeinsam die Sendung «Quartier Livre».

RTS

Förderung des gesamten Literaturbetriebs

Mit dem Publikumspreis würdigt RTS nicht nur Autor:innen selbst, sondern das literarische Schaffen insgesamt. So werden auch Verlage und Buchhandlungen unterstützt – mit dem Verkauf von Büchern, aber auch mit Veranstaltungen wie jener in Saint-Ursanne. Und: Auch weitere Kultursparten profitieren vom Preis. Denn der Preis wird jeweils in der RTS-Sendung «Quartier Livre» vergeben, die immer an verschiedenen Orten aufgezeichnet wird, dieses Jahr etwa im Centre Dürrenmatt in Neuenburg. Für die Veranstaltungen werden lokale Musiker:innen gebucht, die so die Gelegenheit erhalten, live im Radio aufzutreten. Damit ist der «Prix du public RTS» zwar ein Literaturpreis im engeren Sinne – aber einer, von dem weitaus mehr Personen als nur der oder die Sieger:in profitieren.

Lucie Donzé, Mai 2026

Auch für Jugendbücher gibt's einen Preis

Nebst dem Publikumspreis für Erwachsene vergibt RTS in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien (SIKJM) seit 2006 auch einen Jugendliteraturpreis. Der «Prix RTS littérature ados» zeichnet jedes Jahr einen französischsprachigen Roman für 13- bis 15-Jährige aus. Auch dieser Preis ist ein Publikumspreis: Hunderte von Schüler:innen sowie Mitglieder von Buchclubs lesen fünf nominierte Werke, diskutieren diese und wählen ein Gewinnerbuch. Dieses Jahr nahmen fast 600 Jugendliche teil. Gewonnen hat Laureline Maumelat mit ihrem Roman «Vivre sans attendre».

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