Journalist:innen im Schulzimmer: Neues Medienkompetenz-Projekt

Hol dir einen Medienprofi ins Klassenzimmer: Die SRG lanciert ein neues Angebot, bei dem Kinder und Jugendliche aus erster Hand lernen, wie Nachrichten entstehen, woran sie vertrauenswürdige Quellen erkennen und wie sie Desinformation und Fake News besser entlarven können.

Stell dir vor, du bist in der fünften Klasse und in deiner Schule geht das Gerücht um, das Trinkwasser sei vergiftet. Meidest du fortan alle Wasserhähne und wäschst dir nur noch mit Mineralwasser die Hände? Oder hinterfragst du das Gerücht und gehst der Sache auf den Grund?

Genau vor dieser Herausforderung standen die Schüler:innen der privaten Tagesschule «gsw.schule» in Winterthur. Während eines halben Tages wurden die Fünftklässler:innen zu Investigativjournalist:innen, die sich eifrig überlegten, wie man sich der Wahrheit am besten nähern könnte. Selbstverständlich war das Wasser der Winterthurer Schule nicht wirklich vergiftet. Es handelte sich lediglich um ein Fallbeispiel aus einem neuen Medienkompetenz-Projekt, das die SRG demnächst an allen Deutschschweizer Schulen anbietet. Lehrpersonen können dabei eine:n Journalist:in buchen, die oder der für drei Lektionen ins Klassenzimmer kommt und den Schüler:innen die Arbeit von Medienschaffenden näherbringt (siehe Box).

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Medienschaffende der SRG besuchen Schulklassen und machen journalistische Arbeit greifbar.

Bild: SRG

Journalismus als Säule der Demokratie verstehen

Das Angebot startet ab August, wird laufend ausgebaut und soll bis Ende Jahr allen Schulstufen ab der 5. Klasse bis hin zu Berufsschule und Gymnasium offenstehen. Methodisch und didaktisch wurden die Inhalte vom Medienpädagogen Martin Baumann entwickelt, der bereits mit ähnlichen Projekten zur Medienkompetenzförderung Erfahrung gesammelt hat. Unterstützt wurde er vom ehemaligen SRF-Journalisten Pascal Nufer, der heute bei der SRG als Projektmanager Public Value das Thema Medien- und Nachrichtenkompetenz betreut. «Kinder werden in den drei Lektionen animiert, selbst aktiv zu werden, eigene Quellen heranzuziehen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Am Ende sollen sie den Journalismus als wichtige Säule der Demokratie verstehen», sagt Nufer.

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Kinder werden in den drei Lektionen animiert, selbst aktiv zu werden, eigene Quellen heranzuziehen und sich eine eigene Meinung zu bilden.»
Pascal Nufer, Journalist

Das neue Projekt ergänzt bestehende Nachrichtenkompetenz-Angebote wie den «Fake News»-Waggon der SBB oder die interaktive Ausstellung im Verkehrshaus Luzern. Die SRG will damit den Journalismus in der Gesellschaft langfristig stärken und mehr Bewusstsein für die Systemrelevanz von Medienberufen schaffen: «Der erste Schritt ist, den Kindern zu erklären, was Journalist:innen überhaupt machen, nach welchen Regeln sie arbeiten und wie sich ihre Arbeit von jener anderer Content-Creator:innen unterscheidet, wie zum Beispiel Influencer:innen», erklärt Nufer.

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Pascal Nufer erzählt einer Pilot-Klasse in Winterthur von seiner Arbeit als SRF-Chinakorrespondent.

Bild: SRG

Erfahrungsberichte bleiben hängen

In den Testlektionen, die der ehemalige China-Korrespondent und ausgebildete Primarlehrer selbst gab, zeigte sich schnell, dass bei den Schüler:innen besonders die Beispiele aus dem Arbeitsalltag von Medienschaffenden hängenbleiben. Der Schulleiterin der GSW, Christine Villiger, gefällt das Angebot gerade auch aus diesem Grund: «Wenn Journalist:innen direkt in unsere Schulzimmer kommen, hat das eine kraftvolle Wirkung auf die Schüler:innen. Es ist eine sehr praxisnahe Umsetzung des komplexen Themas Medienkompetenz.» Das Thema «Medien und Informatik» ist zwar im Lehrplan 21 verankert, die Umsetzung sei für Lehrpersonen aber nicht immer einfach. Besonders wenn es darum gehe, das abstrakte Thema auf ein zugängliches Niveau herunterzubrechen, sagt Christine Villiger. «Wenn ein Journalist wie Pascal Nufer dann aber live erzählt, dass seine Interviewpartner in China manchmal verhaftet wurden, einzig und allein, weil sie ihm eine unbequeme Wahrheit erzählt hätten – sowas bleibt bei den Kindern haften.»

 

«Es hat die Kinder beeindruckt, wie wichtig der Journalismus ist»

Selbst Martin Baumann als erfahrener Medienpädagoge war nach den Testlektionen positiv überrascht, wie viel bei den Schüler:innen hängenbleibt: «Das Wichtige war auch nach drei Lektionen noch präsent.» In Winterthur waren Baumann und Nufer besonders vom journalistischen Eifer der Kinder während des Fallbeispiels beeindruckt: «Einige von ihnen kamen ganz allein auf die Idee, dass es doch ein Amt geben müsse, das die Wasserqualität testet!», erzählt Nufer. Und Christine Villiger ergänzt: «Es hat die Kinder sehr beeindruckt, wie wichtig der Journalismus wirklich ist.» Und: Nicht nur die Schüler:innen haben etwas gelernt. Auch für die Schulleiterin gab es einen Aha-Moment: «Ich habe erkannt, wie ähnlich der Lehrberuf dem von Journalist:innen ist. Beide Berufe vermitteln die Kompetenz, gute Fragen zu stellen, Hypothesen zu bilden und diesen nachzugehen.»

Noemi Harnickell, Juni 2026

Vermittlungsplattform in Arbeit

Damit die Schulen möglichst einfach einen Medienprofi buchen können, wird aktuell ein Pool von Journalist:innen aufgebaut, die sich für Unterrichtseinheiten zur Verfügung stellen. In der Pilotphase besteht der Pool aus Journalist:innen von SRF, in einer nächsten Phase können sich auch Medienschaffende privater Medienhäuser zur Verfügung stellen. Ziel ist, dass eine Buchungsplattform entsteht, auf der sich Lehrpersonen sowie interessierte Journalist:innen registrieren können, dies unter dem Dach des Vereins UseTheNews, der sich für Nachrichtenkompetenz einsetzt. Die Plattform matcht dann, anhand ihrer Region, Schule mit Journalist:in – ein bisschen wie Tinder für Medienpädagogik.

Sobald das Projekt offiziell startet, erfahren Sie es auf der Public-Value-Webseite und in unserem Newsletter. Falls Sie noch kein:e Abonnent:in sind, melden Sie sich hier an.

Kommentar

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