«YouNews»: Wo Jugendliche einen Einblick ins journalistische Handwerk bekommen

Während der Jugendmedienwoche YouNews werden Schüler:innen selbst zu Journalist:innen. Zum Beispiel bei der «Arena» von SRF. Sie recherchieren, interviewen und produzieren Medieninhalte mit – und lernen so den Wert des professionellen Journalismus kennen.

Dem 17-jährigen Enea Faes ist die Aufregung kaum anzumerken. Die Schultern gestrafft, schreitet er mit fünf langen Schritten durch das «Arena»-Studio zum Rednerpult von SVP-Nationalrätin Nina Fehr Düsel. Zwei Kameras rollen an Enea Faes vorbei, er stellt sich breitbeinig hin, räuspert sich und sagt mit fester Stimme: «Guten Abend, Frau Fehr Düsel. Wir beide kommen aus der schönen Region Zürich und ich muss Ihnen sagen, ich habe ein bisschen Angst: Irgendeinmal möchte ich von daheim ausziehen – kann ich dann in Zürich überhaupt noch eine bezahlbare Wohnung finden?»

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Der 17-jährige Enea Faes hat scharfe Fragen für SVP-Nationalrätin Nina Fehr Düsel vorbereitet.

SRF

Die journalistische Arbeit erlebbar machen

Enea Faes ist einer von vier Jugendlichen, die im Rahmen der Jugendmedienwoche YouNews am 9. Mai 2025 die «Arena» mitmoderieren durften. Anstatt die Schulbank zu drücken, haben sie die ganze Woche im SRF-Studio im Leutschenbach verbracht, wo sie mit der Hilfe des SRF-Teams zum Thema Mietpreise recherchierten, Interviewpartner:innen kontaktierten und kritische Fragen vorbereiteten.

Auch auf anderen Redaktionen durften Jugendliche im Rahmen von «YouNews» aushelfen, zum Beispiel bei der NZZ und bei Watson. Ziel der Woche war, journalistische Arbeit erlebbar zu machen und dadurch die Nachrichtenkompetenz der Jugendlichen zu stärken.

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Vier Jugendliche durften im Rahmen der Jugendmedienwoche die «Arena» mitmoderieren.

SRF

Die Jugendmedienwoche «YouNews» ist ein Angebot des gemeinnützigen Vereins «YouMedia», der die Jugendlichen bei ihrem Umgang mit Medien stärken und fördern will. Der Verein wurde 2017 vom ehemaligen SRF-Moderator Franz Fischlin gemeinsam mit Michael Marti und Viviane Manz ins Leben gerufen und ist von der SRG unabhängig.

Fischlin und sein Team wollen Jugendliche einerseits für die Wichtigkeit des Journalismus sensibilisieren, sie vor allem aber auch für den Beruf begeistern. «Wir haben es mit einer Generation zu tun, die entgegen allen Vorurteilen nicht nur konsumiert, sondern sich auch engagiert. Beim Machen von Medieninhalten steigt zudem das Verständnis dafür, wie Medien funktionieren», sagt Fischlin. «Es gibt kaum einen Beruf mit so viel Abwechslung, in dem so viel passiert und in dem man so kreativ sein kann.»

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Beim Machen von Medieninhalten steigt zudem das Verständnis dafür, wie Medien funktionieren.»
Franz Fischlin, ehemaliger SRF-Moderator.

Fischlin und sein Team wollen Jugendliche einerseits für die Wichtigkeit des Journalismus sensibilisieren, sie vor allem aber auch für den Beruf begeistern. «Wir haben es mit einer Generation zu tun, die entgegen allen Vorurteilen nicht nur konsumiert, sondern sich auch engagiert. Beim Machen von Medieninhalten steigt zudem das Verständnis dafür, wie Medien funktionieren», sagt Fischlin. «Es gibt kaum einen Beruf mit so viel Abwechslung, in dem so viel passiert und in dem man so kreativ sein kann.»

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Franz Fischlin gründete «YouNews» im Jahr 2017. 2025 lief die Jugendmedienwoche zum 8. Mal in Folge.

SRF

Content Creation: Wichtiges Element der Nachrichtenkompetenz

Fiona Fehlmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich «Media Literacy» am Institut für Angewandte Medienwissenschaft an der ZHAW, sieht eine grosse Chance in Projekten wie der Jugendmedienwoche. «53 Prozent der 15- bis 24-Jährigen in der Schweiz nutzen Tiktok», sagt sie. Bis vor zwei Jahren sei diese Zahl noch deutlich niedriger gewesen, was aufzeige, in welch rasantem Tempo sich die Mediennutzung junger Menschen wandle. «Content Creation ist ein wichtiger Aspekt der Medienkompetenz.

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In der Jugendmedienwoche erleben die Jugendlichen, wie das journalistische Handwerk funktioniert.»
Fiona Fehlmann, ZHAW

In der Jugendmedienwoche sammeln die Jugendlichen Erfahrung mit der Produktion von Inhalten. Sie erleben, wie das journalistische Handwerk funktioniert und gewinnen ein tieferes Verständnis für professionell produzierte Medien gegenüber dem, was sie oft auf Tiktok sehen.» Damit will Fehlmann die Potenziale von Tiktok und Co. keineswegs kleinhalten. Sie sieht darin auch Chancen für Newsdienstleister. «Viele Leute glauben, es gebe nur zwei Arten von Quellen», sagt sie. «Viele Leute glauben, es gebe nur zwei Arten von Quellen: gute, also Traditionsmedien wie SRF, und schlechte, also alles, was auf Social Media ist. Nur ist SRF auch auf Social Media.»

 

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Fiona Fehlmann, ZHAW

zVg

Den Konjunktiv wählt sie an der Stelle nicht zufällig. Denn um bei Tiktok auf ein Video von SRF zu stossen, muss man gewisse Angebote bereits kennen. Die Kanäle sind zu klein, um vom Algorithmus hochgespielt zu werden. Das beisst sich mit der Haltung, die Fehlmann bei vielen Jugendlichen beobachtet: Anstatt aktiv nach Nachrichten zu suchen, lassen sie sich von ihnen finden. Sie konsumieren also, was ihnen angezeigt wird. Und da kommt «YouNews» ins Spiel: «Dadurch, dass viele junge Menschen keine klassischen Medien mehr konsumieren», erklärt Franz Fischlin, «müssen sie erstmal lernen: Was ist eine Meinung? Welche Aussagen sind relevant? Verhält sich die sprechende Person überhaupt neutral? Und ganz wichtig: Was ist eine unabhängige Informationsquelle und wo finde ich sie?»

«Meine Fragen waren am Anfang alle viel zu lieb»

Es ist Donnerstagnachmittag, 14 Uhr. Am Tag, bevor die vier Jugendlichen ihren grossen Live-Auftritt in der «Arena» haben, laufen im kleinen Redaktionsbüro der Sendung die Betriebssysteme heiss. Die Fragen für die Eins-zu-Eins-Gespräche müssen geschliffen werden, letzte Recherchen stehen an.

Lisa Tschuor wird den Grünen-Nationalrat Michael Töngi zu den steigenden Mietpreisen interviewen. Sie und ihre Freundin Sara Schoch, die der Mitte-Vizepräsidentin Yvonne Bürgin auf den Zahn fühlen wird, sind am Feinschliff ihrer Interviewfragen. «Meine Fragen waren am Anfang alle viel zu lieb gestellt», sagt Tschuor. «Aber in der Arena muss man provozierend sein.»

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Lisa Tschuor probt ihre Fragen im Studio.

Noemi Harnickell

Um hier sein zu können, mussten die vier Jugendlichen je ein Bewerbungsvideo einreichen und dann auch noch ein Vorstellungsgespräch bestehen. Die Zusagen erreichten die meisten von ihnen mitten im Schulunterricht. Lisa Tschuor erinnert sich, sie habe vor Freude geschrien. Auch die 19-jährige Yaël Länzlinger freut sich, hier zu sein: «Die Arena ist die bekannteste Politsendung der Schweiz», sagt sie. «Sie trägt zur Meinungsbildung bei, darum muss die Qualität hoch bleiben.»

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Sara Schoch und Lisa Tschuor bereiten konzentriert ihre Interviewfragen vor.

Noemi Harnickell

Eine andere Art von Schule

Noch sind nicht alle mit ihren Fragen zufrieden, aber «Arena»-Redaktionsleiterin Franziska Egli drängt zum Weitermachen. Die Proben im Studio stehen an. Damit die Jugendlichen möglichst professionell agieren, wird die Vorbereitungszeit um ein Vielfaches verlängert. «Die Jugendmedienwoche ist ein grosses Investment seitens SRF», betont Egli. «Mehr Proben und mehr Vorbereitungszeit bedeuten auch mehr Arbeitsstunden fürs Team. Aber es lohnt sich.»

Auch Fiona Fehlmann hält das Mitwirken an echten Fernsehprogrammen für lehrreich. «Es fördert das kritische Denken der Jugendlichen», erklärt sie. «Sie müssen sich überlegen: Was stelle ich für Fragen? Und welche Rolle nehme ich ein? Die direkte Erfahrung erzeugt einen anderen Lerneffekt, als wenn es ihnen nur in der Theorie beigebracht wird.»

Es sei eine andere Art von Schule gewesen, sagt Enea Faes später. Das ist auch Sinn und Zweck von «YouNews»: «Wenn man in der Schweiz lebt und abstimmt, sollte man wissen, wie man sich informiert und vertrauenswürdige Quellen findet», meint Fiona Fehlmann. Aber sehr viele Aufgaben würden inzwischen auf die Schulen zurückfallen –und viele Schulen könnten dies gar nicht mehr stemmen. Die Jugendmedienwoche erfülle deshalb eine gesellschaftsrelevante Bildungsaufgabe.

«YouNews» wird weitgehend positiv aufgenommen. Eine Kritik am Projekt kommt ausgerechnet von Mitgründer Franz Fischlin selbst: «Es machen überwiegend Jugendliche mit, die sich sowieso für Medien und Journalismus interessieren», sagt er. «Wir erreichen damit nicht die Menschen, die etwa zur Radikalisierung neigen und Medienkompetenz dringender nötig hätten.»

Genau aus diesem Konflikt heraus hatte Fischlin 2024 das Projekt YouMedia gegründet. «Fachleute stellen eine zunehmende Radikalisierung bei jungen Menschen fest, im Denken und manchmal auch im gewaltbereiten Handeln. Dieses Phänomen ist durchaus auf den Einfluss von Social Media zurückzuführen», sagt Fischlin. Man werde dabei nicht nur mit den Jugendlichen arbeiten, sondern auch mit Eltern und Lehrpersonen. «Sie müssen verstehen, was hinter der Zimmertür vor sich geht, wo sich das Kind mit dem Handy befasst.»

Kurzer Schreckmoment für Jungreporterinnen am ESC

2025 hat «YouMedia» zum ersten Mal eigene Angebote für die «YouNews»-Woche lanciert, die jene von SRF, NZZ, Watson und Co. ergänzen. Weil der Eurovision Song Contest dieses Jahr einmalig in Basel stattfindet, erhalten sechs Jugendliche die Chance, hinter die Kulissen zu schauen und Videobeiträge für den Instagram-Kanal von «YouMedia» zu gestalten. «Ich kenne keinen Anlass, der sicherheitsmässig heikler ist als der ESC», sagt Host Jenny Kitzka, die als Betreuerin mit den Schülerinnen unterwegs ist. Schon Wochen im Voraus mussten sich die Schülerinnen online akkreditieren und ihre Ausweise einscannen, um in die ESC-Halle gelassen zu werden. «Da haben sie zum ersten Mal gecheckt, was das für eine Nummer ist», sagt Kitzka.

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Jenny Kitzka ist «YouMedia»-Host und betreute die Jugendlichen, die für Social Media über den ESC berichteten.

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Am Tag selbst folgt jedoch genau das, wovor sich jede:r gestandene Journalist:in fürchtet: Zwei Akkreditierungen werden nicht anerkannt. Die beiden Schülerinnen sind noch nicht 16 Jahre alt und damit eigentlich zu jung für den Presserundgang. Während Kitzka mit den Verantwortlichen nach einer Lösung sucht, sitzen die beiden auf dem Boden und überlegen eifrig, welche anderen Videos sie umsetzen könnten – ausserhalb der Halle. Kitzka ist beeindruckt. «Sie verhielten sich in dem Moment wie richtige Reporterinnen. Sie liessen sich nicht unterkriegen, sondern feilten sofort an Plan B.» Plan B wurde am Ende nicht nötig: Ausnahmsweise wurden schliesslich alle Jungreporterinnen in die Halle gelassen.

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Starstruck am ESC: Muriel Bossert und Angelina Kaiser (Mitte) durften an der Hauptprobe des ESC dabei sein.

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Weil die Jugendlichen nach ihren Recherchen nicht viel Zeit haben, müssen sie bereits im Zug zurück nach Zürich überlegen, wie sie aus dem vielen Filmmaterial auf ihren Handys ein Video machen können.

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Mit dem ESC haben wir für sie ein Tor geöffnet in eine Welt, in die man nur schwer oder gar nicht Zugang hat. Es war eine Once-in-a-Lifetime-Chance und wir haben die für sie mitermöglicht.»
Jenny Kitzka, «YouMedia»-Host

«Wie sieht das eigentlich aus, wenn man Content macht, der einen Mehrwert haben muss?», sagt Jenny Kitzka. «Was könnte man als Hook nehmen? Wie soll das Storytelling aussehen? Alle diese Aspekte waren neu für sie.»

Kitzka ist überzeugt, dass die Jugendlichen noch lange an die Erfahrung zurückdenken werden. «Mit dem ESC haben wir für sie ein Tor geöffnet in eine Welt, in die man nur schwer oder gar nicht Zugang hat. Es war eine Once-in-a-Lifetime-Chance und wir haben die für sie mitermöglicht.»

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Dem Pokal ganz nah: Vier junge Reporter:innen berichteten über den Alltag der Volunteers am ESC.

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Aus den beiden Tagen auf dem ESC-Gelände ist eine ganze Reihe von Instagram-Videos entstanden. Im «ESC Volunteers Vlog» zum Beispiel stellen die vier Jungreporterinnen die Arbeit der Volunteers vor. Für die Schülerin Muriel Bossert ging mit «YouNews» ein Traum in Erfüllung. Die 16-Jährige aus Langenthal bei Bern träumt davon, eines Tages Journalistin zu werden. Der ESC ist zudem ihr liebstes Ereignis im Jahr – wichtiger noch als ihr Geburtstag. «Ich bin immer noch auf einem Hoch», sagt Bossert ein paar Wochen später.

Viel Begeisterung zum Abschluss

Am Ende der Woche sind sowohl die Jugendlichen als auch die Organisator:innen und Mitwirkenden begeistert. «Mich beeindruckt die Freude und das Engagement, mit der die Jugendlichen gearbeitet haben», sagt Franz Fischlin. Auch von den Redaktionen kommt positives Feedback. Watson-Redaktorin Sabeth Vela schwärmt von der 14-jährigen Schülerin, die sie während der Jugendmedienwoche betreuen durfte. «Ich habe mich gefreut, eine Person da zu haben, die eine Zukunft im Journalismus sieht.» Dieser ist und bleibt kein einfaches Arbeitsfeld, zumal es immer weniger Redaktionsstellen gibt. Vela ist und bleibt aber vom Beruf überzeugt: «Ich würde den Journalismus allen weiterempfehlen, die sich nicht gerne festlegen», sagt sie. «Man kann jeden Tag etwas anderes machen!»

Ob aus den Jugendlichen, die in der ganzen Deutschschweiz in Medienhäusern mitgeholfen haben, in ein paar Jahren Journalist:innen geworden sind, ist abzuwarten. Enea Faes etwa sieht sich eher als Lehrer – oder Moderator einer Talkshow, das will er sich noch überlegen.

Noemi Harnickell, August 2025

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