Fakt oder Fake? RTS zeigt's bei «FastCheck»
Müssen Informationen überhaupt überprüft werden? Der US-Techkonzern Meta bezweifelt das und hat in den USA seine Faktenchecks gestrichen. Öffentliche Medien in Europa hingegen verstärken ihr Engagement eher und schaffen vermehrt explizite Faktencheck-Formate: Bei RTS zum Beispiel gibt es seit 2025 «FastCheck». Formate wie dieses seien wichtig für die Meinungsbildung und die Demokratie, sagt Medienexpertin Franziska Oehmer-Pedrazzi.
Das Video hat auf TikTok 23 Millionen Aufrufe und unzählige Kommentare – vor allem empörte: Es zeigt, wie ein Kreuzfahrtschiff tausende Liter einer braunen Flüssigkeit ins Meer leitet. Wahr oder nicht, Fakt oder Fake? Fragen wie diese soll «FastCheck» beantworten, ein 2025 lanciertes Format von RTS, dem öffentlichen Rundfunk für die Romandie. Das Format besteht aus Kurzvideos, in denen RTS jeweils ein Thema aufgreift, zumeist ein Gerücht, Fakten dazu überprüft und Expert:innen befragt. So wird Desinformation entlarvt und die Zuschauer:innen werden bei ihrer Meinungsbildung unterstützt.
«FastCheck» ist für den digitalen Bereich konzipiert: Die Videos sind auf die Generation Z zugeschnitten, also auf Personen, die nach 1995 geboren sind, und sollen diese über die RTS-eigene Plattform, aber insbesondere über soziale Netzwerke wie Instagram, Tiktok oder YouTube erreichen. RTS-Journalistin Hélène Joaquim wendet beim Erstellen die gleichen Standards und Arbeitsweisen an wie bei einer klassischen Recherche: Sie vergleicht Quellen, prüft Dokumente, holt die Meinung von Expert:innen ein. Bei der Darstellungsform und dem Aufbau der Kurzvideos werde besonderen Wert auf Pädagogik gelegt: «Wir wollen, dass die Zuschauer:innen transparent den gesamten Prozess der Faktenüberprüfung nachvollziehen können», sagt Hélène Joaquim.
Hélène Joaquim, verantwortliche Journalistin beim RTS-Format «FastCheck».
Bild: RTS
Bei der Themenwahl orientiert sich die Journalistin vor allem an den aktuellen Ereignissen. Zudem wählt sie Themen, die kontroverse Diskussionen auslösen können. Beim Video mit dem Kreuzfahrtschiff konnte die Journalistin klar feststellen, dass es sich um eine KI-Montage handelt. Das Video, obschon erfunden, werfe aber reale Fragen auf zur Umweltverschmutzung auf, die diskutiert werden könnten.
Pandemie als Nährboden für Fake News
Faktenchecks haben in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen. «Gerade zu Beginn der Covid-19-Pandemie kam die Bewegung stark auf», erklärt Christophe Schenk, Verantwortlicher für die digitale Koordination der Newsprogramme bei RTS. Denn die Verbreitung von vielen Informationen in Zusammenhang mit der Pandemie – und auch vielen Falschinformationen – hätten ein besonderes Engagement der Medien in Sachen Faktenchecks erfordert. Bei RTS gab es bereits damals ein entsprechendes Format, das Teil der Sendung «Mise au Point» war.
Christophe Schenk verantwortet die digitale Koordination der RTS-Newsprogramme.
Bild: RTS
Laut Schenk ermöglicht die aktuelle Weltlage in Verbindung mit dem Aufkommen künstlicher Intelligenz, dass Desinformation immer einfacher geschaffen werden kann. Das führe dazu, dass die Öffentlichkeit zunehmend Expert:innenwissen zu verschiedenen Themen suche – und daher vermehrt öffentliche Medien konsumiere, weil sich diese im Bereich Faktencheck engagierten. RTS prüfe schliesslich ständig Fakten: «Wir senden kein Element, das nicht vorher geprüft wurde.»
Weshalb braucht es dennoch Formate wie «FastCheck», die speziell als Faktencheck-Formate gekennzeichnet sind? Laut Victorien Kissling, dem stellvertretenden Chefredaktor der Multimedia-Redaktion von RTS Info, geht es bei solchen Angeboten zunächst einmal darum, journalistische Hintergrundarbeit zu zeigen. Diese kenne das Publikum oft nicht. Ausserdem wolle RTS dem Publikum Werkzeuge an die Hand geben, mit denen es selbst lernt, Fakt von Fake zu unterscheiden.
Victorien Kissling, stellvertretender Chefredaktor der Multimedia-Redaktion von RTS Info.
Bild: Delphine Ansermot
Mehr Hass ohne Faktenchecks
Nichtsdestotrotz: Faktenchecks scheinen umstritten. Während sich die Medien, insbesondere die öffentlich-rechtlichen Medien in Europa, immer mehr für Faktenchecks engagieren, verzichten einige soziale Netzwerke seit einer Weile darauf. So hat Meta, dazu gehören unter anderem Instagram und Facebook, in den USA seine Programme zur Überprüfung von Fakten eingestellt. Anstelle eines internen Faktenchecks stellen die Meta-Plattformen ihren Nutzer:innen nun sogenannte «Community Notes» zur Verfügung. Damit sollen sie Inhalte selbst kommentieren und prüfen. Damit wolle sich Meta, so CEO Mark Zuckerberg, auf die «Wurzeln der freien Meinungsäusserung besinnen.»
Franziska Oehmer-Pedrazzi, Professorin für Kommunikationswissenschaft an der Fachhochschule Graubünden und Co-Gründerin des «MILEVA INSTITUTs für Digitales und Gesellschaft», findet diesen Schritt besorgniserregend: «Es ist empirisch gesichert, dass Hass und Desinformation auf X deutlich zugenommen haben, seit unter anderem Content-Moderation und Faktencheck abgeschafft wurden.» Sie vermutet, dass die Entscheidung mitunter politisch motiviert war: «Man will sich hier nicht um Meinungsfreiheit bemühen, sondern jemandem einen Gefallen tun, der beim Faktencheck Feinde vermutet.» Um der zunehmenden Verbreitung von irreführenden und falschen Informationen in sozialen Medien entgegenzuwirken, brauche es aber Faktenprüfung durch unabhängige Organisationen, die nach transparenten und professionellen Kriterien arbeiten.
Franziska Oehmer-Pedrazzi ist besorgt über die Entwicklungen bei Meta. Ohne Faktenchecks steige der Hass im Netz.
Bild: zVg
Solche Faktencheck-Organisationen sehen sich immer wieder Angriffen ausgesetzt. Oft heisst es, sie würden lügen, um ihre eigenen Ideologien zu verbreiten. «Das ist eine beliebte Strategie bei Akteur:innen, die selbst auf der Basis von verzerrten oder falschen Informationen Politik machen», erklärt Oehmer-Pedrazzi. Hinter Desinformation steckt meist mehr als ein blosses Missverständnis: Sie werden häufig gezielt verbreitet und teilweise auch mit Hassrede kombiniert: «Man diffamiert politische Gegner:innen oder auch Minderheiten», so Oehmer-Pedrazzi, «indem man bestimmte Informationen zurückhält, oder verzerrt und einseitig wiedergibt.»
Wichtig: Präsenz auf Social Media
Heute sind die sozialen Medien eine der wichtigsten Informationsquellen überhaupt – über alle Altersgruppen hinweg. Damit haben sie eine grosse Bedeutung für die Meinungs- und Wissensbildung in der Bevölkerung. Wenn diese Meinungsbildungsprozesse auf falschen Informationen beruhen, könne dies gravierende Folgen für die Demokratie haben, so Oehmer-Pedrazzi. Und gesamtgesellschaftliche Polarisierungsprozesse befeuern. Deshalb sei es wichtig, dass auch klassische Medienhäuser wie die SRG mit Formaten wie «FastCheck» auf Social Media präsent seien.
Lucie Donzé & Noemi Harnickell, Juni 2025
Bei SRF ist seit 2017 das Netzwerk Faktencheck am Werk: Auf Anfrage von SRF-Mitarbeitenden überprüfen die rund 15 Mitglieder Informationen, recherchieren zusätzliche Quellen und verifizieren audiovisuelle Inhalte. «Desinformation wirkt oft besonders überzeugend, wenn sie einen wahren Kern enthält», sagt Melanie Kömle, Mediendokumentalistin und Leiterin des Netzwerks. Das macht einen Faktencheck oft anspruchsvoll. Dazu kommt, dass es bei zahlreichen Themen selten eine absolute Gewissheit gibt. «Zum Beispiel muss jede Statistik im richtigen Kontext betrachtet werden», so Kömle. «Es kann sein, dass drei verschiedene Zahlen korrekt sind. Diese Komplexität ist nicht zu unterschätzen, macht es aber auch spannend.» Faktenchecks helfen, komplexe Zusammenhänge zu verstehen und richtig einzuordnen «Als öffentlicher Rundfunk ist es unser Auftrag im Rahmen des Service Public, unserem Publikum verlässliche und überprüfte Informationen bereitzustellen. Denn nur gut informierte Menschen können sich eine fundierte Meinung bilden – eine zentrale Voraussetzung für demokratische Entscheidungen.» Journalismus trage Mitverantwortung für eine lebendige Demokratie. Dieser Verantwortung komme SRF nach, indem sie kritisch berichte, Zusammenhänge erkläre und mit Faktenchecks zur Orientierung beitrage.
In der Woche vom 26. Januar bis 1. Februar 2026 rückte SRF das Thema «Fakt or Fake» in den Fokus und fragte, was Fake News für unseren Alltag bedeuten.