Gegen Polarisierung und den Stadt-Land-Graben: Die SRG trägt zum Zusammenhalt in der Schweiz bei
Der gesellschaftliche Kitt in der Schweiz bröckelt. Woran liegt das? Und wie kann die SRG dagegenhalten? Eine Erhebung von gfs.bern zeigt: Für die Bevölkerung ist es klar, dass es die SRG für den Zusammenhalt in unserem Land braucht. Deutlich zeigte das auch die «Beizentour», bei der die SRG an 23 Orten in der ganzen Schweiz den Dialog mit Bewohnerinnen und Bewohnern suchte.
Füreinander da sein. Sich als Einheit fühlen, miteinander kommunizieren und Unterschiede respektieren: Der gesellschaftliche Zusammenhalt ist für den allergrössten Teil der Schweizer Bevölkerung wichtig – wird aber mit Sorge betrachtet. Je nachdem, welche Bevölkerungsgruppe gefragt wird, nimmt ihn ein überwiegender Teil als porös oder gar bröckelnd wahr. So denken 70 Prozent der Bevölkerung, dass der Zusammenhalt aktuell gefährdet ist.
Fast drei Viertel glauben zudem, dass er in den vergangenen Jahren abgenommen hat. Das zeigt eine aktuelle Befragung von 2’338 Einwohner:innen aus allen Sprachregionen der Schweiz, die das Forschungsunternehmen gfs.bern im Auftrag der Public-Value-Abteilung der SRG im Frühjahr 2025 durchgeführt hat. Die Ergebnisse bestätigen erneut das ernüchternde Bild vom Zustand des gesellschaftlichen Zusammenhalts, das bereits eine Umfrage des Forschungsinstituts Sotomo im Februar sowie eine etwas früher veröffentlichte Erhebung der Universität Luzern zeichneten. Gfs.bern und die SRG wollten aber nicht nur herausfinden, wie es aus Sicht der Bevölkerung um den gesellschaftlichen Zusammenhalt steht. Sondern auch, welche Rolle die SRG für ebendiesen spielt.
Ausgewogene Berichterstattung: Wichtig gegen Polarisierung
Die Resultate zeigen, dass die Rolle der SRG für den sozialen Kitt unumstritten ist. So halten es 90 Prozent der Befragten für wichtig, dass das Medienhaus den Auftrag hat, den Zusammenhalt zu fördern. 72 Prozent geben an, dass die SRG mit ihrem Service public eine zentrale Rolle im Kampf gegen die Spaltung in der Gesellschaft spielt, gerade wenn es um die politische Polarisierung geht. «Mit ihrer Pflicht zur ausgewogenen Berichterstattung ist das Medienhaus besonders geeignet, hierzu einen relevanten Beitrag zu leisten», schreibt gfs.bern im Bericht zur Untersuchung. Eine der befragten Personen, die der SRG diesbezüglich gute Noten gegeben hat, hält als Begründung fest: «Die SRG versucht (und es gelingt ihr gut), verschiedenen Meinungen Raum zu geben und verschiedenste Positionen zu beleuchten.» Diese ausgewogene und sorgfältige Berichterstattung ist wertvoll, denn sie ist ein Mittel gegen Polarisierung. Und diese zählt gemäss WEF-Risikobericht 2025 zu den fünf grössten Gefahren für die Menschheit.
Doch mit welchen Angeboten trägt die SRG konkret zum Zusammenhalt bei? In der Erhebung am häufigsten genannt wurden Informationssendungen, aber auch Diskussionsplattformen und Berichterstattungen über Grossevents und Sportveranstaltungen. «Die SRG schafft Momente, in denen alle in der Bevölkerung gratis dasselbe hören oder sehen: Bundesratswahl, Wahlen/Abstimmungen, Fussball, Ski, ESC», hält eine der befragten Personen fest. Fiktionale Inhalte und Volksmusiksendungen scheinen aus Sicht der Bevölkerung hingegen die geringste Bedeutung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu haben.
«Das hilft für das Verständnis»
Die Befragung beleuchtet zudem die verschiedenen Aspekte des gesellschaftlichen Zusammenhalts – denn der Begriff ist vielschichtig. Und die Frage, was eine Gesellschaft eint, gehört zu den zentralsten und zugleich komplexeren in der sozialwissenschaftlichen Forschung. So wurden die Teilnehmenden etwa danach gefragt, wo sich in ihren Augen die grössten Gräben auftun: Diese orten sie insbesondere zwischen verschiedenen politischen Einstellungen sowie zwischen verschiedenen Bevölkerungsschichten, zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund und zwischen Stadt und Land.
Jeweils die Mehrheit der Befragten ist der Meinung, dass es der SRG aktuell gelingt, zur Schliessung des Grabens zwischen Menschen mit verschiedenen politischen Einstellungen und zwischen Stadt- und Landbevölkerung beizutragen. Auch ihrem Engagement zur Förderung des Zusammenhalts auf gesamtschweizerischer Ebene, zwischen den Sprachregionen und den Geschlechtern gibt eine deutliche Mehrheit der SRG gute Noten. Es gebe immer wieder Sendungen über Menschen, die beispielsweise aufgrund einer Krankheit beeinträchtigt seien, begründet eine teilnehmende Person ihre positive Wahrnehmung der Leistung der SRG. «Ihr Alltag wird dargestellt. Das hilft für das Verständnis von anderen.»
Verbesserungspotenzial: Mehr «kleine Leute» gewünscht
«Luft nach oben» sieht die Bevölkerung laut Bericht hingegen bezüglich des Zusammenhalts zwischen sozialen Schichten und Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. «Vielfaltsaspekte sind in der Schweiz sehr präsent», hält eine befragte Person in diesem Zusammenhang fest. Sie wünsche sich, dass das Programm stärker auf diese Vielfalt in der ganzen Bevölkerung ausgerichtet werde. Jemand aus der französischsprachigen Schweiz merkte weiter an, dass RTS im Gegensatz zu den deutschsprachigen Angeboten etwas elitär wirke und den «kleinen Leuten» zu wenig Raum gebe: «Ich würde es begrüssen, wenn nicht immer nur die Vorgesetzten zu Wort kämen, sondern auch die Arbeiter und Angestellten.»
Schliesslich zeigen die Resultate auch, wie die Bevölkerung die Medienlandschaft in der Schweiz aktuell wahrnimmt. Öffentliche und private Medien werden als Informationsquellen geschätzt und geniessen das Vertrauen der Menschen – ganz im Gegensatz zu Social Media oder Blogs. Unbestritten unter den Befragungsteilnehmenden ist zudem, dass unabhängige Medien unverzichtbar sind: als Gegengewicht zur gesellschaftlichen Spaltung, als Orientierungshilfe in einer immer komplexeren Welt und nicht zuletzt als tragende Säule der Demokratie in der Schweiz.
23 Beizen, 670 Personen
Mit den Resultaten dieser Erhebung im Gepäck begab sich die SRG ab Herbst 2025 auf «Beizentour»: In 23 Orten in der gesamten Schweiz fühlte sie der Bevölkerung den Puls. Prominente Aushängeschilder der SRG – etwa Nik Hartmann, Nathalie Christen und Sandro Brotz, aber auch Susanne Wille – tauschten sich mit den Menschen vor Ort über Medien, Gesellschaft und den Beitrag des öffentlichen Medienhauses an den gesellschaftlichen Kitt aus. Die Veranstaltungsreihe war Teil des Dialogformats zum Thema Zusammenhalt der Abteilung Public Value, die in den Vorjahren bereits den Dialog mit Kulturschaffenden (2023/2024) und jungen Menschen (2022/2023) gesucht hatte.
Die Dialogserie machte in 23 Ortschaften halt und zog ein diverses Publikum an.
SRG SSR
Insgesamt nahmen 670 Personen an den Veranstaltungen teil, von denen zwölf in der Deutschschweiz stattfanden, sieben in der Romandie, drei in der italienischen Schweiz und eine in der rätoromanischen Schweiz. Die Auswertung der Veranstaltungen zeigt, dass die «Beizentour» ein diverses Publikum angesprochen hat: «Wir hatten sowohl Privatpersonen als auch Vereine und Schulen vor Ort. Es kamen SRG-Kritiker:innen wie auch -Befürworter:innen», sagt Henriette Engbersen, Abteilungsleiterin «Public Value».
Die Teilnehmer:innen konnten nicht nur Fragen stellen und diskutieren, sondern auch über verschiedene Themen abstimmen. So wurde das Publikum etwa gefragt, ob es davon überrascht ist, dass gemäss gfs.bern-Umfrage die Mehrheit der Bevölkerung den Zusammenhalt gefährdet sieht. In der Deutschschweiz antworteten 82 Prozent mit Nein, in der Romandie 81 Prozent. Eine weitere Frage zum Zusammenhalt bestätigte das Bild, das die gfs-Erhebung bereits zeichnete: 62 Prozent der Deutschschweizer Teilnehmer:innen sagten, dass klassische Medien eher zum Zusammenhalt als zur Spaltung beitragen. In der Romandie waren es sogar 73 Prozent.
«Bereichernd, hinter Kulissen zu blicken»
Weiter zeigte die «Beizentour», welche Themen dem Publikum unter den Nägeln brennen. Die Neutralität der SRG, beziehungsweise die ausgewogene Berichterstattung, waren von Kriegstetten bis Klosters, von Echallens bis Anzère ein Thema. Das Publikum in der italienischen Schweiz hingegen beschäftigt gemäss Auswertung der Public-Value-Abteilung hingegen ein ganz anderes Thema: Hier wurde oft darüber diskutiert, wie die SRG für die Jungen relevant bleiben kann. Insgesamt ziehen die Organisator:innen der «Beizentour» ein positives Fazit: «Die Veranstaltungen haben uns gezeigt, dass der Austausch vor Ort wichtig ist.»
Das sehen auch Teilnehmende so – zumindest, wenn es nach einigen Rückmeldungen geht: «Ich fand es einen sehr bereichernden Abend, an dem ich hinter die Kulissen von SRG, SRF und der Medienwelt blicken und viel lernen konnte. Danke für diesen Austausch!», schrieb beispielsweise jemand im Anschluss an eine Veranstaltung an die Public-Value-Abteilung.
Malolo Kessler, erstmals publiziert im Oktober 2025, aktualisiert im Januar 2026