«Schwingen ist nicht nur ein Sport, sondern auch ein Stück Schweizer Kultur»
Der Eidgenössische Schwingerverband feierte im September sein 125-jähriges Bestehen mit 20’000 Zuschauer:innen. Diese zelebrierten in Appenzell nicht nur den Sport, sondern auch Schweizer Traditionen. Schwingen ist beliebt – nicht zuletzt wegen der Berichterstattung der SRG, die in der Saison 2024 über 66 Stunden live über den Sport berichtet hat.
Es ist Mitternacht an einem Samstag im September, als Willi Lichtensteiner aufsteht, in Jeans und Wanderschuhe schlüpft, seinen Rucksack schultert und das Haus verlässt. In Willisau, seiner Heimatstadt, steigt er um ein Uhr nachts in den Zug. Kurz nach drei Uhr in der Früh erreicht er sein Ziel: das Dorf Appenzell. Er liebt diesen Moment der Ruhe, kurz bevor das Fest losgeht.
Gegen halb acht sitzt Lichtensteiner dann auf seinem Platz für den Tag: In der Mitte einer Bierbank auf dem Rasen in der Arena, Reihe 4 Platz 10. Erwartungsvoll schaut er auf die vier noch leeren Kreise aus Sägemehl. Es ist bereits sein zwölftes Schwingfest dieser Saison. Dann, um Punkt acht Uhr, geht endlich los, worauf Fans, Schwinger und Veranstalter:innen die letzten vier Jahre gewartet haben: Ein kurzer Handschlag, der schnelle Griff an die Hose und angeschwungen ist es, das Jubiläumsfest zum 125-jährigen Bestehen des Eidgenössischen Schwingerverbands. Das Fest hätte eigentlich schon 2020 stattfinden sollen, fiel aber aufgrund der Pandemie ins Wasser.

Arena des Jubiläumsschwingfestes am 8. September 2024 in Appenzell.
KEYSTONE/Urs Flueeler
Tickets Monate im Voraus kaufen
125 Jahre modernes Schwingen und der Sport ist beliebter als je zuvor: Arenen sind bereits Monate vor den Festen ausverkauft, Einschaltquoten schiessen in die Höhe. SRF überträgt das Jubiläumsfest live: Von morgens halb acht Uhr bis zum Abend um halb sechs Uhr. Einzig für die Mittagstagesschau wird für eine gute Stunde unterbrochen. Ist es gerechtfertigt, dass einer Sportveranstaltung im Schweizer Fernsehen so viel Platz eingeräumt wird? Woher kommt die Faszination fürs Schwingen? Und: Wieso sind Menschen wie Willi Lichtensteiner bereit, für eine Sportveranstaltung um Mitternacht aufzustehen?
Als Lichtensteiner 1968 als sechsjähriger Bub das erste Mal von seinem Vater mit an ein Schwingfest genommen wurde, stand da noch keine Arena. Tickets kaufte man für ein paar Franken am Tag der Veranstaltung am Eingang. Heute kauft Lichtensteiner sie teils Monate vor einem Fest. Das muss er, so schnell sind die Eintrittskarten ausverkauft.
«Ein Grund für die Beliebtheit des Schwingens ist das Schweizer Fernsehen», sagt der Historiker und Journalist Linus Schöpfer, der für sein Buch «Schwere Kerle rollen besser» die Kulturgeschichte des Schwingens recherchierte. SRF begann Ende der 1990er-Jahre, mehr Schwingfeste live zu übertragen. Wieso genau man sich dazu entschied, ist nicht ganz klar. Eine Erklärung biete das eidgenössische Schwingfest in Bern 1998, so Schöpfer: «SRF übertrug das Fest, schaltete aber kurz vor dem Schlussgang auf die Formel 1 um.» Die Zuschauer reagierten prompt und schalteten ebenfalls um: Auf Tele Bärn, das den Schlussgang zeigte. Die Quote beim Lokalsender explodierte. «Da hatte man beim Fernsehen begriffen, wie sehr das Schwingen die Menschen interessiert», sagt der Historiker.

Linus Schöpfer, Historiker
zVg
Was dann folgte, war eine Popularitäts-Spirale: Mehr Übertragung sorgte für mehr Sichtbarkeit, zu mehr Geschichten und Charakteren, über die man sprechen kann. «Und sobald etwas im Fernsehen populär ist, wird es auch für Sponsoren interessant», erklärt Linus Schöpfer. Seit diesem Sommer werden die Schwingfeste zudem auf SRF 1 übertragen, und nicht wie bisher im Sportprogramm auf SRF 2, erzählt Philipp Stöckli, der seit 2006 für SRF übers Schwingen berichtet. «Ich finde, das Schwingen passt super ins Erste. Denn es ist nicht nur ein Sport, sondern auch ein gutes Stück Schweizer Kultur», sagt Stöckli.
In der Saison 2024 hat das SRF über 66 Stunden live über das Schwingen berichtet und durchschnittlich 113´000 Zuschauer:innen erreicht . «Das entspricht einem Marktanteil von 28 Prozent», so Stöckli. «Das ist super, wenn man beachtet, dass wir den ganzen Sommer in Konkurrenz zu Olympia und der Europameisterschaft gestanden sind.»

Jubiläumsschwingfest Appenzell 2024: Die SRF-Moderatoren Stefan Hofmänner und Jörg Abderhalden
Copyright: SRF/Gian Vaitl
Schwingen ist ein Stück Schweizer Kultur
Hans Sollberger, der die Geschäftsstelle des eidgenössischen Jubiläumsschwingfestes in Appenzell leitet, spürte die Wirkung der ausgiebigen Medienberichterstattung im Vorfeld der Grossveranstaltung: «Sie hat das Interesse bei den Menschen angekurbelt», sagt er. «Das freut uns natürlich sehr! Und auch, dass unsere Veranstaltung live im Fernsehen übertragen wird.»
Für die Appenzeller sei das eine grosse Ehre, man freue sich die Region und ihre Traditionen präsentieren zu können. Während des Festes treten beispielsweise verschiedene Singchöre und Jodelgruppen aus dem Dorf auf. Dass das Fest so schnell ausverkauft gewesen sei, sei für viele eine Enttäuschung gewesen. Er habe zwar kurzfristig noch aufgestockt, aber auch diese Karten seien schnell weg gewesen.

Hans Sollberger, Geschäftsstellen-Leiter des eidgenössischen Jubiläumsschwingfestes in Appenzell
Mehr kritische Berichte notwendig
Seit Jahren werden die Arenen an den Schwingfesten immer grösser – und mit ihnen der Rummel um die Anlässe. Denn es gibt mehr Geld für die Förderung der Sportler:innen – und für Veranstaltungen. Der Eidgenössische Schwingerverband wächst ebenso: In den ersten zehn Jahren nach der Gründung am 11. März 1895 konnte der Verband lediglich 3411 Mitglieder akquirieren, heute umfasst er über 50´000. Zum Vergleich: Der Schweizerische Fussballverband zählt 290´000 Mitglieder.
Wo mehr Geld ist, findet sich jedoch auch mehr Einflussnahme. Umso wichtiger sind Journalist:innen, die kritisch nachfragen. Historiker Linus Schöpfer sagt: «Es gibt durchaus investigative Recherchen zum Schwingen, aber wir brauchen mehr davon. Es muss genauer hingeschaut werden.» Bei den Dopingfällen, aber auch bei den Investitionen, die den Sport verändern. «Wer drängt wieso in den Schwingsport? Wo wird intransparent gearbeitet? Wo kommt es zu einer Instrumentalisierung?»
Auch Schwingfan Willi Lichtenstein wünscht sich Antworten auf solche Fragen, fühlt sich aber damit beim SRF gut aufgehoben. «Erst vor ein paar Tagen habe ich einen Bericht in der Rundschau gesehen, in dem die Kommerzialisierung des Schwingens kritisch betrachtet wurde. Da wurden sehr deutliche Worte gefunden», findet er.
Beim Schwingen ist noch alles möglich
In Appenzell hat gerade der zweite Gang begonnen, als Willi Lichtenstein aus seiner Tasche ein paar kleine Plastikbecher und eine in Zeitungspapier gewickelte Flasche Wein aus seinem Rucksack zieht. Er schenkt seinen Sitznachbar:innen links und rechts, die er soeben kennengelernt hat, grosszügig ein. Ein allgemeines «Zum Wohl!». Später werden sich die neuen Bekanntschaften bei ihm revanchieren.

Nick Alpiger, oben und Benjamin Gapany unten, am Jubiläumsschwingfest in Appenzell.
KEYSTONE/Urs Flueeler
Um Punkt zehn Uhr weht plötzlich der Geruch von Cervelat durch die Arena. Überall ziehen Zuschauer:innen Znünibrettli aus ihren Rucksäcken, darauf schneiden sie Käse, Wurst, Zopf. Während in der Arena 120 Schwinger «Mann gegen Mann» – wie Lichtenstein es nennt – kämpfen, zmörgelen die Fans gemeinsam. Überhaupt scheint man an diesem Fest aufeinander zu achten: Wer auf die Toilette muss, lässt seine Tasche sorglos unter der Bank liegen. «Friedlich, bodenständig, langsam und ruhig», sind die Worte, die Willi Lichtenstein wählt, um seine Begeisterung fürs Schwingfest zu beschreiben.
Der Historiker Linus Schöpfer ergänzt: «Das Schwingen ist noch nicht so durchreguliert, wie zum Beispiel das Boxen mit seinen Gewichtsklassen.» Ein kleiner, schmächtiger Schwinger könne einen grossen, bärigen Gegner bezwingen – diese Dynamik begeistert ihn. Und: «Sie ist ein weiterer Grund für die Popularität des Sports.» Die Leute würden mit den verschiedenen Charakteren mitfiebern. Zu einem «David gegen Goliath»-Moment kommt es auch am 8. September in Appenzell, als der 19-Jährige Berner Jüngling Fabio Hiltbrunner den Schwingerkönig Joel Wicki auf den Rücken legt und sich damit zu einem der beiden Festsieger kürt.
Wichtige Werte werden gelebt: Anstand und Respekt
Für SRF-Produzent Philipp Stöckli trägt auch die Ursprünglichkeit des Schwingens zur Begeisterung für den Sport bei. «Und dass die Grundwerte heute wie damals die gleichen sind: Demut, Anstand, Respekt, Fairness.» Dass der Gewinner eines Kampfes dem Verlierer das Sägemehl vom Rücken klopft, symbolisiere diese Haltung.
Beim Jubiläumsschwingfest arbeiten Stöckli und sein Team hoch oben auf der Tribüne Ebenalp, wo sich das SRF ein kleines Studio eingerichtet hat. Als Produzent entscheidet er, wann und wer für ein Interview eingeblendet wird oder wann Moderatorin Fabienne Gyr mit Experte und Schwingerkönig Christian Stucki eine Analyse vornimmt.

Philipp Stöckli, Produzent SRF Sport
Copyright: SRF/Oscar Alessio
Ob, in welchem Umfang und auf welchem Sender der SRF etwas überträgt, hängt von verschiedenen Faktoren ab , erklärt Stöckli: «Wir beziehen das Zuschauerinteresse ein, das sich aus Einschaltquoten und Umfragen zusammensetzt. Aber auch die programmatische Strategie spielt eine Rolle.»
Beim Schwingen seien lange nur die drei wichtigsten Feste übertragen worden: Das Eidgenössische, bei denen alle drei Jahre der Schwingerkönig gekrönt wird, das Kilchberger Schwingfest und das Unspunnen(fest). Später kamen auch regionale Wettkämpfe, wie die Bergfeste und die Teilverbandsfeste hinzu. Letztere seien zunächst nur im Stream verfügbar gewesen, so Stöckli. Weil die Nachfrage aber so hoch war, habe man sich entschieden, sie auch im Fernsehen zu zeigen.
Dem Regen trotzen
Als am Nachmittag in Appenzell Gang drei und vier ihren Lauf nehmen, bleibt Produzent Stöckli in seinem überdachten Studio trocken, während Willi Lichtenstein in einer grünen Regenjacke, mit Kapuze auf dem Kopf, tapfer dem Regen trotzt. Und nicht nur er. Ein paar Plätze weiter hat sich Bettina, die ihren richtigen Namen nicht in diesem Artikel lesen möchte, in einen tarnfarbenen Regenmantel gehüllt, wie ihn die halbe Arena trägt, den sie im Onlineshop des Schweizer Militärs bestellt hat.

Besucher:innen eines Schwingfestes im Regen.
KEYSTONE/Steffen Schmidt
Die 38-Jährige aus Frauenfeld wurde vor über zehn Jahren durch ihren Exfreund zum Schwingfan und feuert am 8. September ihren Favoriten, den Ostschweizer Samuel Giger an. Allerdings vergeblich: Gewinner des Fests sind die beiden Berner Fabian Staudenmann und Fabio Hiltbrunner. Wenn sie nicht in der Arena ist, verfolgt sie die Übertragung von SRF, erzählt die Thurgauerin. «Oft positioniere ich den Fernseher so, dass ich den ganzen Sonntag vom Balkon aus zuschauen kann.»
Janina Bauer, Oktober 2024